Unterrichtsfächer am heutigen WG

 

Lateinunterricht am WG: heute
Latein am WG: um 1990
Persönlicher Nachtrag, betr. die Caesar-Lektüre
Latein am WG: um 1910

 
 

Lateinunterricht am WG heute

 

Nach Gesprächen mit den Lehrern, die zur Zeit am WG das Fach Latein unterrichten, auch mit Schülern und mit Eltern, ist das Bild ziemlich klar – und der versprochene Bericht leicht zu erstellen. – Also: Der Unterricht in Latein gliedert sich nach wie vor in die drei überlieferten Phasen: Anfangsunterricht nach einem Lehrbuch; –  danach: Mittelstufenlektüre; – und schließlich – als Krönung – : die Lektüre der klassischen Autoren in der Oberstufe.

 

Ehemalige, die ihre Texte noch im Kopf haben, werden sofort einfallen: „Quarum omnium lectionum turba est omnis divisa in partes tres, quarum unam obtinent …, alteram …, tertiam, qui ipsorum nomine Celtae, nostra Galli appellantur …“. – Genau hier aber liegt der entscheidende Unterschied: Caesar, zur Schulzeit vieler Ehemaliger selbstverständliche Mittelstufenlektüre, ist nach den neuen Lehrplänen verpönt, geradezu verboten.

 

In Hamburg hat es etwa dreißig Jahre gedauert, bis diese Tendenz sich auch in den Lehrplänen durchgesetzt hat. Einer der ersten, der in der Öffentlichkeit engagiert und temperamentvoll für die Abkehr von der überlieferten Caesar-Lektüre und einer Hinwendung zu neueren Texten geworben hat, war in den siebziger Jahren Manfred Fuhrmann, Professor in Konstanz, mit seiner Streitschrift „Caesar oder Erasmus? – Überlegungen zur lateinischen Anfangslektüre“ (jetzt bequem greifbar in dem Sammelbändchen „Alte Sprachen in der Krise?“, ISBN 3-12-922250-2). – Er hat sich (bei einem Außenseiter, der von der Universität kommt, nicht selbstverständlich) auf der ganzen Linie durchgesetzt; jetzt, in den vorliegenden Lehrplänen, auch in Hamburg.

 

Unsere Schüler und Schülerinnen lesen also, wenn sie nach drei Jahren den Grundlehrgang hinter sich gebracht haben (übrigens nach einem durchaus ansprechenden Lehrwerk: Ostia altera, viele bunte Bilder, viele Informationen zum antiken Leben, akzeptable Texte und ein leicht modernistisches Grammatikvokabular, das nicht allen Lehrern gefällt):

 

Erasmus, Colloquia familiaria: Alltagsgespräche über alles und jedes: Begrüßungsformeln, Befehle an Untergebene, Impressionen über wundervolle Hotels in Frankreich (und grauenhafte in Deutschland), Beichte eines Soldaten nach seinen Fronterlebnissen, – und eines Matrosen nach den furchtbaren Erfahrungen auf hoher See. – daneben: Fabeln von Phaedrus (Fuhrmann: „Wie viele Stunden lassen sich mit ihm bestreiten, ohne daß die Kinder der Wölfe, Lämmer, Frösche, Ochsen usw. überdrüssig werden?“); – außerdem: die Geschichten von Joseph und seinen Brüdern aus der Vulgata; und – natürlich: eine Auswahl aus den Carmina Burana.

 

Damit gehen fast drei Jahre hin (nach den drei Jahren Anfangsunterricht). – Zum Schluß bleibt dann in der Regel noch etwa ein halbes Jahr für eine erste Cicero-Lektüre: In Catilinam. – Die Begeisterung der Schüler und Schülerinnen, von der Manfred Fuhrmann geträumt hat, stellt sich dabei – nach allem, was man hört – nur sehr begrenzt ein. – Jeder weiß es ja: Nach der ersten Faszination im Lateinunterricht der Unterstufe droht im allgemeinen das berüchtigte „Mittelstufenloch“. Und das gibt es leider nach wie vor, auch mit den schönen Fuhrmann-Texten.

 

Woran es liegt? Nach meinem persönlichen Eindruck nicht zuletzt an den behördlich verordneten Lehrplänen. Denn jeder weiß auch dies: Wenn ein Lehrer die Klasse betritt und sagt: „Wir haben jetzt lange genug Caesar gelesen, die Texte waren auch auf ihre Art durchaus interessant, manchmal faszinierend, aber nun habe ich ein paar ganz andere Sachen entdeckt, was haltet ihr davon …?“, dann kann eine Art  Pionier- und Forschergeist entstehen, allein durch das Bewußtsein, etwas anderes, Besonderes, noch nie Dagewesenes zu traktieren, und der Unterricht kann unter der Hand beflügelt werden. – Sobald aber dies alles behördlich verordnet ist, womöglich mit der zusätzlichen Ankündigung: „In drei Monaten wird darüber eine Vergleichsarbeit geschrieben“, dann werden die schönsten Texte zu langweiligen und eher öden Pflichtobjekten. – Schade drum.

 

Von den eigentlich klassischen Texten haben die Schüler also bis zum Ende der Klasse 10 – nach sechs Jahren Latein – im besten Fall eine Cicero-Rede (In Catilinam) in Auswahl gelesen. – Das ist nicht viel.

 

Es folgt die Klasse 11, die sog. „Vorstufe“. Grundsätzlich haben die Schüler die Möglichkeit, Latein nach Klasse 10 abzuwählen, aber die meisten bleiben dabei, nicht zuletzt wegen des  Latinums, das erst nach Klasse 11 vergeben wird. – Viele allerdings verbringen dieses Schuljahr im Ausland (England, Amerika …), wo sie entweder (an Privatschulen) „hervorragenden“ oder (in den meisten Fällen) gar keinen Lateinunterricht haben.

 

Diejenigen, die bleiben, erleben jetzt zum ersten Mal ausgedehntere Autoren-Lektüre, zur Zeit vorwiegend: Catull, –  Plinius (Briefe), –  Ovid (ars amatoria).

 

Die eigentliche Oberstufen-Lektüre (Klasse 12 und 13) bleibt nur wenigen vorbehalten, die sich für Grund- oder Leistungskurse in diesem Fach entscheiden. Die Schülerzahlen sind allerdings z.Zt. so gering, daß ein einziger geplagter Lehrer alle Kurse zusammen unterrichten muß (Entscheidung der Schulbehörde): Grundkurs Klasse 12, Leistungskurs Klasse 12, Grundkurs Klasse 13, Leistungskurs Klasse 13 …; – keine paradiesischen Zustände.

 

Der Unterricht findet streng nach Lehrplan statt, nicht zuletzt in Hinblick auf das kommende zentrale Abitur. Wer die Lehrpläne kennt, weiß, daß heute nicht mehr von Autoren die Rede ist, sondern von „Semesterthemen“ (eine späte Nachwirkung der hessischen und bayerischen Lehrpläne der siebziger Jahre).

 

In den Klassen 12 und 13 sind insgesamt vier Semester zu füllen.

 

Semesterthema (1): „Antike Geschichtsschreibung“. – Zur Auswahl: Sallust, Caesar, Livius, Tacitus; – Sallust: unter dem Thema: „Recht und Notstand“; – Tacitus: „Kaiser Nero: Populist, Psychopath, Alleinherrscher“; – man sieht, an welche Auswahl jeweils gedacht ist.

 

Semesterthema (2): „Erleben der Welt in poetischer Gestaltung“. – Zur Auswahl: Ovid, Vergil, Horaz, Archipoeta.

 

Semesterthema (3): „Antworten der Philosophie auf Fragen des Lebens“. – Zur Auswahl vor allem: Cicero, Seneca.

 

Semesterthema (4): „Staat und Gesellschaft in Antike, Mittelalter und Neuzeit“. – Zur Auswahl: Plautus, Cato, Cicero, Plinius, Livius, Seneca, Tacitus usw.; – u.a. auch: Carmina Burana, unter dem Schwerpunktthema: „Mönche, Nonnen und Vaganten“.

 

Wer nachrechnen möchte: Wählt ein Kurs oder ein Lehrer unter den vier Semesterthemen (1) Caesar – (2) Ovid – (3) Cicero – (4) Carmina Burana, dann bleiben sogar den Leistungskursschülern u.a. die folgenden Autoren gänzlich unbekannt: Sallust – Livius – Tacitus – Vergil – Horaz -Seneca – Plautus – Terenz – Lukrez.

 

Man sieht: Das Fach Latein hat zu kämpfen, nicht zuletzt mit den Vorgaben der Behörde, die vieles, was gut und sinnvoll wäre, verhindert.

 

Und: Zu den Vorgaben gehört eben auch dies: daß die freie Auswahl, etwa der Geschichtsschreiber, die man sich nach dem Lehrplan vorstellen könnte, gänzlich illusorisch wird, wenn in den Vorgaben fürs zentrale Abitur von vornherein festgelegt wird: Im Abitur: diesmal ein Text von Caesar.
An dieser Stelle standen bisher zwei Texte über Manfred Fuhrmann, der durch seine Arbeit den Lateinunterricht, auch am WG, erheblich beeinflußt hat; wir hatten durch unsere Eintragung auf dem Schwarzen Brett ausdrücklich darauf hingewiesen.- Auf mehrfachen Wunsch hin sind die Texte jetzt unter „Varia Variorum“ zu lesen.
 
 
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Latein am WG um 1990

 

Als Ergänzung, für alle, die es interessiert: eine Zusammenstellung, die uns ein Abiturient von 1992 geschickt hat, – also: ein Bild des Lateinlehrgangs vor gut zehn Jahren. – Berichterstatter: Christian Burkert, Abiturient von 1992. – Hier seine Übersicht (Kommentare z.T. von uns):

 

Klasse 5 bis Ende 8, also vier lange Jahre lang: „Roma. Grundlehrgang in vier Bänden. Bayerischer Schulbuchverlag.“  – Vier bunte Bücher mit vielen bunten Bildern. Sehr übersichtlich, auf den ersten Blick überaus ansprechend, von manchen auch nachträglich noch hoch geschätzt. – Trotzdem: Für Schüler und Lehrer ein mühsames Geschäft: alle diese Bücher in vier mühsamen Jahren gründlich durchzuackern; – allerdings: in den vier Bänden wird immerhin das gesamte überlieferte Grammatikpensum sorgfältig, übersichtlich und sehr systematisch vorgeführt.

 

Leider sind die Texte (vor allem in den ersten Bänden),  nicht nur nach Meinung unserer Kollegen, z.T. so schlecht, so öde und so wenig motivierend, daß das WG sich inzwischen von diesem Buch getrennt hat (s.o.). – Die Eltern? – Sie haben das Buch geliebt, weil es ganz übersichtlich war, weil es genau dem Latein entsprach, das sie selbst vor 40 oder 50 Jahren gelernt hatten – und weil sie, wenn sie mit ihren Kindern Schularbeiten machten (selbstverständliche Pflicht vieler Mütter – und weniger Väter),  jederzeit genau sehen konnten, was grammatisch gerade genau „dran war“.

 

Dann,  Klasse 9: Caesar, de bello Gallico. – Zum Schluß des Jahres noch ein paar Gedichte von Catull (jeder weiß, welche Auswahl gemeint ist: „passer mortuus est …“ oder: „miser Catulle …“). – Beides: am Ende denn doch nicht so schlecht für den Anfang der Lektüre, denn Caesar, wenn er nicht uferlos präsentiert wird, wenn keine Brücken gebaut, keine Schlachten geschlagen und keine Völker vernichtet werden, kann durchaus anregend und nachdenkenswert sein, – und eine echte „Caesar-Periode“ (s.u.) sollte eigentlich zur Grunderfahrung eines jeden gehören, der einmal Latein gelernt hat.

 

Klasse 10: Vier Reden gegen Catilina (vollständig? – wohl doch nur in Auswahl?). – Ovid, Metamorphosen, natürlich in Auswahl.

 

Klasse 11 (Vorstufe): Plinius, Briefe. – Sallust, Catilina. – und noch einmal: Ovid, Metamorphosen.

 

Oberstufe:

 

1. Semester: Livius, ab urbe condita. –  Für alle: 3.Dekade (2.punischer Krieg); zusätzlich, nur für den Leistungskurs: 1.Dekade (Gründung Roms, Königszeit …).

 

2. Semester: Vergil, Aeneis. – Für alle: 1.Buch und 4. Buch (Beginn und Dido …); zusätzlich, nur für den Leistungskurs: 6.Buch (Aeneas in der Unterwelt).

 

3. Semester: Darstellung des Prinzipats in der römischen Überlieferung (Vergil und Livius), mit vergleichendem Rückblick auf die spätrepublikanische Darstellung bei Sallust (s. Klasse 11).

 

4. Semester: Tacitus, Annalen. – Horaz in Auswahl.

 

Persönlicher Kommentar von Chr. Burkert: „Ich selbst bin erst in der achten Klasse dazugekommen, habe also die ersten Jahre des Grundlehrgangs nicht am WG miterlebt. Da ich ursprünglich auf einem neusprachlichen Gymnasium war ( Latein erst ab Klasse 7), entdeckte ich meine Liebe für das Lateinische auch erst in Klasse 7.

 

Meine Begeisterung (dort geweckt!) war allerdings so groß, daß ich den Sprung auf das altsprachliche Gymnasium wagte und den Grundlehrgang „in Kompaktform“ absolvierte. Es war nicht schwer. – Vielleicht erklärt diese Begeisterung auch die Tatsache, daß ich mich heute, nach mehr als zwölf Jahren, noch an viele Einzelheiten erinnere.

 

Daß allerdings aus meiner Begeisterung ein schulischer Erfolg und sogar ein Studium des Lateinischen und des Griechischen wurde, habe ich vor allem dem hervorragenden Unterricht bei Herrn Dr. Peters und, ab Klasse 11, bei Frau Dr. Schürhoff zu verdanken.

 

Wobei ich nicht verhehlen will, daß wir – vor allem in den späteren Klassen – ob der Menge der zu übersetzenden Zeilen oft gejammert haben. – Erst später, auf der Universität, habe ich erkannt, wie gut es war, all diese Texte gelesen zu haben: Kaum ein anderer der Studienanfänger hatte soviel gelesen und war so über die Zusammenhänge belehrt worden wie wir am WG.

 

Es kann also festgestellt werden, daß der Lateinunterricht am WG, wie ich ihn erleben durfte, ein damals für die Hamburger Gymnasien überdurchschnittlich hohes Niveau hatte.“

 

Soweit Christian Burkert. – Kommentar von Dr. Silke Petersen, die in Hamburg und an anderen Universitäten Theologie unterricht (Neues Textament, also auch: Griechisch): „Sie werden es nicht glauben, wie riesengroß der Unterschied ist zwischen den Studenten und Studentinnen, die vom WG kommen (sie selbst ist Abiturientin von 1984) – und den meisten anderen, – nicht nur in der Beherrschung der griechischen Sprache (dies sowieso), sondern auch in der Übersicht über alle wichtigen Zusammenhänge … –  Es sind alles sehr freundliche, willige, lerneifrige Menschen, aber bei den meisten muß man bei Null anfangen …“. –

 

Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht auch von anderen Seiten gehört hätte.
Schulz
 
 
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Persönlicher Nachtrag, betr. die Caesar-Lektüre: Die heute immer wieder geäußerte Ablehnung jeglicher Caesar-Lektüre ist verständlich, wenn man bedenkt, in welch sinnloser Breite gerade die Schlachtenschilderungen aus dem Bellum Gallicum lange Zeit ziemlich unreflektiert den Unterricht der Mittelstufe beherrscht haben. Sie schießt aber in ihrer rigorosen Art weit über das Ziel hinaus: Die Lektüre des Bellum Gallicum – nicht zuletzt übrigens auch als Ergänzung, als Gegengewicht, als Richtigstellung der Asterix-Texte, die man als „geheime Miterzieher“ (Fuhrmann) nicht ignorieren sollte – hat, richtig dosiert und richtig ausgewählt, durchaus ihren Sinn und ihre Berechtigung, kann fruchtbar und motivierend sein und zu vielfachem Nachdenken auffordern.

 

Und: was, sprachlich und formal gesehen, die berühmte „Caesar-Periode“ angeht: Diese Erfahrung sollte den Schülern und Schülerinnen nicht vorenthalten werden.

 

Sie funktioniert ja so: „Caesar, als er … erfuhr, da hat er, obwohl ihm …, trotzdem, weil er nämlich meinte …, es sei das beste …, unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen …, folgendes gemacht.“ – So etwas gibt es – außer im Griechischen -, soweit ich es übersehe, in dieser Vollendung in keiner anderen Sprache.

 

Ich habe daraufhin den gesamten Caesar-Text noch einmal durchgeblättert und zu meiner Verwunderung gemerkt, daß diese wunderbaren Sätze gar nicht so häufig sind, wie man vermutet. Es gibt sie, aber man muß sie geradezu suchen. – Viel häufiger sind sie bei Sallust, der ja, wie man sieht, in den neuen Lehrplänen auch nicht gerade die Beachtung findet, die ihm gebührt.

 

Ein Beispiel, aus der Coniuratio Catilinae ( 20, 1): „Catilina, ubi eos, quos paulo ante memoravi, convenisse videt, tametsi cum singulis multa saepe egerat, tamen, in rem fore credens universos appellare et cohortari, in abditam partem aedium secedit atque ibi omnibus arbitris procul amotis orationem huiusce modi habuit: …“. – In schlechter deutscher Übersetzung, aber die lateinische Satzstruktur etwa nachahmend: „Catilina, als er sah, daß die Leute, die ich eben aufgezählt habe, sich versammelt hatten, da hat er, obwohl er mit ihnen einzeln schon viel und oft gesprochen hatte, trotzdem, weil er nämlich meinte, es sei gut, noch einmal alle gemeinsam anzusprechen und auf den gemeinsamen Plan einzuschwören, sich mit ihnen in den tiefsten Keller zurückgezogen und dort, nachdem er alle eventuellen Mithörer weit entfernt hatte, eine Rede folgender Art gehalten: …“. –

 

Sätze dieser Art finden sich bei Sallust auf fast jeder Seite, und es ist bedauerlich, wenn gerade diese Höhepunkte römischer Kunstprosa (ob nun bei Caesar oder Sallust) den Schülern vorenthalten werden. – Nicht zuletzt übrigens, weil es gerade hier nicht nur um das präzise Durchschauen der vollendeten lateinischen Satzstruktur geht, sondern auch um die Bemühung und die Anstrengung, daraus ein ganz anderes, aber nach Möglichkeit auch vollendetes deutsches Satzgefüge zu machen.

 

Fazit: Durchaus Verständnis über neue Tendenzen in den Hamburger Lehrplänen, aber tiefes Bedauern, daß hier vieles, was das eigentliche Aroma der lateinischen Sprache und der lateinischen Literatur ausmacht, leichtfertig über Bord geworfen wird.

 

Postscriptum: Einer der wichtigsten, witzigsten, tiefsinnigsten, nachdenklichsten Autoren der späten Republik (also der Epoche, in der auch Caesar und Sallust geschrieben haben), ein Außenseiter, – aber einer, den Cicero nach seinem Tode ediert hat, von dem Thornton Wilder vermutete, Caesar habe mit bohrendem Neid nur ihn wegen seiner Genialität bewundert, den Goethe gelesen und geliebt hat wie keinen zweiten, – scheint den Hamburger Lehrplanautoren gänzlich unbekannt zu sein: Sie würdigen ihn nicht einmal einer Anmerkung: Lukrez, Titus Lucretius Carus, de rerum natura, Welt aus Atomen, – mit einer radikalen Abrechnung alles dessen, was die römische und griechische Religion überlieferte, – und: einem Proömium an die Göttin Venus, das zum Schönsten der lateinischen Dichtung gehört. – Schulz

 
 
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Latein am WG um 1910

 

Zum (vorläufigen) Abschluß dieser Synopse über den Lateinunterricht jetzt noch ein kleiner Bericht über das Latein am WG, wie es vor etwa einhundert Jahren aussah. Alle, die ein Exemplar unserer Festschrift von 1981 besitzen, können es auf den Seiten 64 / 65 bequem nachlesen.
Was Sie dort finden, ist einer der alljährlich mit penibler Genauigkeit publizierten Berichte über alles das, was im vergangenen Schuljahr über alle Fächer hin traktiert wurde. – Also: kein Plan, sondern eine Rechenschaft über das, was tatsächlich gemacht wurde. – Ergänzend dazu jeweils: die vollständige Übersicht über die fürs nächste Jahr erforderlichen Lehrbücher (S.86).

 

Die abgedruckte Doppelseite stammt aus dem Jahresbericht 1910/11, ist allerdings willkürlich herausgegriffen, denn seit der Gründung der Schule (1881) bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der auch sonst vieles zum Erliegen brachte, sind diese Jahresberichte lückenlos erschienen (durch Zufall auch erhalten), und ihr Inhalt ist Jahr für Jahr fast gleich, – bis auf die Listen der Schüler, die „Wohnungen der Lehrer“, die Verteilung der Konfessionen und – nicht zuletzt – die wissenschaftliche Beilage, die jeweils ein Lehrer aus dem Kollegium beisteuerte, denn: einen wissenschaftlichen Traktat zu schreiben, gehörte damals zu den selbstverständlichen Pflichten der Lehrer.

 

Leider ist, wie wir erst nachträglich bemerken, in der Festschrift die Überschrift fortgelassen, vermutlich aus technischen Gründen. Daher jetzt als Nachtrag: Es geht um die Pensen, die im Schuljahr 1910/11 tatsächlich behandelt wurden. – Die letzte Zeile, betr. das Fach Hebräisch, fehlt auch.

 

Ein kurzer Vergleich mit anderen Jahresberichten zeigt, daß im Fach Latein von etwa 1881 bis 1914 im wesentlichen derselbe Stoff durchgenommen wurde.

 

Wer allerdings den Text der Jahresberichte richtig verstehen will, muß einige Dinge wissen: „Übersetzen“, was ja in den Tabellen häufiger vorkommt, heißt: „Übersetzen eines deutschen Textes ins Lateinische“. – Texte antiker Autoren wurden zwar auch gelegentlich ins Deutsche übersetzt, aber nur als Hilfsmittel, – nur, wenn es nötig war, sich zu vergewissern, daß alle den lateinischen Text richtig verstanden hatten. – Ansonsten wurden die Texte der antiken Autoren „gelesen“, so wie man eben deutsche oder englische Texte liest.

 

Was die Übersetzung ins Lateininische angeht: Eine kleine Kostprobe dessen, was unsere Schüler damals gelernt hatten und offenbar ohne Mühe beherrschten, findet man in unserer Festschrift auf Seite 33: „Wallenstein, vielleicht der größte Feldherr aller Zeiten, von dem kein Geringerer als Moltke gesagt haben soll, daß er …“ – ? – Manch einer würde sich heute vielleicht ein Lexikon holen und befriedigt schreiben: „Wallenstein, fortasse maximus imperator omnium temporum …“. – Grammatisch ohne Anstöße, aber jeder, der einmal lateinische Texte gelesen hat, weiß, daß dies kein Latein ist, eher so etwas, wie es einem manchmal, scherzhaft, auf Englisch vorgeführt wird: „Na, so was …!“ – „So what …!“ – Der Berichterstatter in der Festschrift weiß es besser: „Wallenstein, quo haud scio an nemo umquam fuerit rerum militarium peritior …“ (quo: abl. comp.). – Das soll man erstmal können. – Und bei dem Satz: „Cicero sagt, wenn wir nur der Natur folgten, würden wir nie etwas falsch machen“, fällt er sofort ein: „Cicero negat nos, si naturam sequeremur, umquam aberraturos.“ . – Für uns heute: bewundernswert, – aber eben: tempi passati.

 

Nun aber zu den damals gelesenen Autoren:

 

Nach dem sprachlichen Grundkurs (Klasse 5 und 6): in Klasse 7 die erste Lektüre: Biographien aus Cornelius Nepos: Themistokles, Aristides, Kimon; danach: Curtius Rufus, Alexander der Große (merkwürdigerweise lauter Griechen).

 

Klasse 8: Caesar, Bellum Gallicum, Buch 1 bis 4; – Ovid, Metamorphosen in Auswahl.

 

Klasse 9: Caesar, Bellum Gallicum, Buch 5 und 6; – Caesar, Bellum Civile.

 

Klasse 10: Ovid, Metamorphosen, Fortsetzung; – Vergil, Aeneis, Buch 1 und 2; – Cicero, 1., 2., 4. Rede gegen Catilina; – Cicero, Pro Roscio Amerino; – Sallust, Jugurtha.

 

Klasse 11: Vergil, Aeneis, Buch 4, 6, 8, 9, 12; – Tibull; – Catull; – Ovid, Tristien; – Livius, Buch 21 und 22; – Cicero, de imp. Cn. Pomp.; – Cicero, Laelius, de amicitia.

 

Klasse 12: Horaz, Oden; – Horaz, Satiren; – Cicero, Cato maior; – Cicero, Somnium Scipionis; – Cicero, In Verrem, 4. Buch; – Tacitus, Germania; – Tacitus, Annalen, Buch 1 bis 3.

 

Klasse 13: Cicero, de oratore; – Cicero, Philosophica in Auswahl; – Tacitus, Annalen, Buch 11 und 16; – Tacitus, Historiae, Buch 1 und 2; – Horaz in Auswahl: Oden, Epoden, Satiren, Episteln.

 

Zur Erläuterung: Dies ist die Übersicht für ein Schuljahr (1910/11): ein Querschnitt, kein Längsschnitt. Jeder wird sich z.B. wundern, warum von Sallust ausgerechnet der „Catilina“ nicht erscheint, warum von Livius die wunderbaren ersten Bücher fehlen – Wollte man erforschen, was ein damaliger Schüler im Laufe seines Schülerlebens wirklich gelesen hat, dann müßte man sich die Mühe machen, neun Jahresberichte der Reihe nach zu durchsuchen. – Dann wird natürlich auch Sallust, Catilina, auftauchen; vielleicht auch Ovid, Amores? Aber ganz bestimmt: die erste Dekade von Livius. – Darüber vielleicht demnächst.

 

Per Saldo? – Nicht wenig, zumal wenn man sich ansieht, was zugleich in den übrigen Fächern behandelt wurde: von Religion und Deutsch über Griechisch, Französisch, Englisch bis zu Geschichte, Mathematik und Physik. – Und: immer wieder erwähnt: erhebliche Pensen, vor allem in Religion, Deutsch, Latein, Griechisch: auswendig gelernt, jederzeit verfügbar!
Schulz
 
 
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