Das Streiflicht

 

Streiflichter aus der langen Geschichte des WG, zusammengetragen aus Archiven, Zeitschriften, Dokumenten usw.; absichtlich nicht immer chronologisch; – dazwischen gelegentlich auch andere Texte, die mit uns und unserem Anliegen zusammenhängen.
 
neu (April 2005): Unsere Festschrift von 1981: 100 Jahre Wilhelm-Gymnasium.
Einladung zur Subskription für die Neuauflage.
 
 
bisher:
Nr. 1: Der betende Knabe.
Nr. 2: Noch einmal: Der betende Knabe.
Nr. 3: Ansprache bei der Enthüllung des betenden Knaben, 1906.
Nr. 4: Das Jubiläum 1906.
Nr. 5: Der Festkommers 1906.
Nr. 6: Aus der Süddeutschen Zeitung: Winston Churchill und die Kopfnuß. Von Gustav Seibt.
Nr. 7: Von den Anfängen: November 1879.
Nr. 8: Der Name „Wilhelm-Gymnasium“; – oder doch lieber „Lessing-Gymnasium“?
Nr. 9: Abschiedsrede Gabriele Krüger, 2. Juli 2003.
Nr. 10: Abituransprache Gabriele Krüger, Juni 1999.
Nr. 11: James Franck (Abit. WG 1902), Nobelpreis Physik 1925
Nr. 12: Friedrich-Wilhelm Zinke: Ansprache an die Abiturienten, 12. März 1954
 
 

Einladung zur Subskription für die Neuauflage unserer Festschrift von 1981. – Den Text erhielten wir von einem Schülervater:
 
Die Festschrift von 1981: Zum 100-jährigen Bestehen des WG
 
Aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der Schule wurde 1981 im Auftrage der Schulkonferenz, des Schulvereins und der Vereinigung der Ehemaligen eine umfangreiche Dokumentation zur Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums herausgegeben. – Zusammengestellt, redigiert und herausgegeben wurde dieses 320 Seiten umfassende Buch von Peter-Rudolf Schulz (Lehrer am Wilhelm-Gymnasium bis Juli 2000, – und noch heute für das Archiv, die „Ehemaligen“ und die Büchereiverwaltung der Schule tätig). – Bereits an dieser Stelle soll gesagt sein: Dieses Buch ist nicht nur ein wundervoll zusammengestellter Schatz kenntnisreicher und einfühlsamer Berichte über vergangene Zeiten, sondern es erhellt vielerlei Zusammenhänge, – auch des heutigen Schulbetriebes.
 
Schon wenn der Leser das Buch in Händen hält, lenkt die Abbildung einer handschriftlichen „Eingabe“ auf dem Umschlag den Betrachter auf die Geschichte der Namensgebung. – Denn noch vor der feierlichen Eröffnung der Schule reichten sieben Hamburger Bürger, unter ihnen der Kaufmann Richard Möhring, an den Bürgermeister Kirchenpauer, damals zugleich Präses der Oberschulbehörde, den Antrag ein, das bislang provisorisch als „Neue Gelehrtenschule“ bezeichnete Gymnasium doch bitte „Lessing-Gymnasium“ zu nennen. – Warum es dazu in der Folge nicht gekommen ist und weshalb die Oberschulbehörde sich für „Wilhelm-Gymnasium“ entschied, ist von Renate Hauschild-Thiessen eigens für dieses Buch recherchiert und dort wunderbar dargestellt.
 
Umfangreich wird die Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums von der Kaiserzeit über die Weimarer Zeit bis in die 70er Jahre ausgebreitet. Zahlreiche Bilder und Dokumente beschreiben unter anderem den Bau des großen Schulgebäudes an der Ecke Moorweidenstraße/Grindelallee (in dem heute, seit 1945, die Staatsbibliothek ihr Zuhause gefunden hat). – Klassen- und Kollegiumsbilder spiegeln die damalige Zeit wider. – Schilderungsreich und lebendig sind die zahllosen Beiträge und Erinnerungsberichte ehemaliger Schüler und Lehrer.
 
Da wird z.B. „Praktische Pädagogik um 1895“ erläutert, es wird über die „Schülerverbindung Ingaevonia“ berichtet – und erzählt,
wie es einem als (einem von zwei) Mädchen auf dem WG um 1915 erging. – Stundentafeln werden ausgebreitet, aus denen sich z.B. das wöchentliche (!) „Extemporale“ zur Tempus- und Moduslehre des Lateinunterrichts in der Obertertia entnehmen läßt. – Der Leser erfährt auch etwas über das gerundivum inversum in der Inschrift zum Betenden Knaben, der anläßlich der 25-Jahr-Feier – ad quinque lustra celebranda – von ehemaligen Schülern überreicht wurde. – Diese Kopie des Betenden Knaben stand früher im Lichthof des alten Gebäudes und steht heute in der Pausenhalle am Klosterstieg. – Das bedeutende Original aus der Schule des Lysipp (330 v. Chr.), welches einst aus Rhodos über Venedig zu Foucquet, dem Finanzminister Ludwigs XIV., dann über Prinz Eugen zu Friedrich dem Großen und nach Sanssouci gelangte, steht übrigens heute in der Rotunde des wiedereröffneten „Alten Museums“ auf der Museumsinsel in Berlin.
 
Der von Schülern und Eltern geliebte und verehrte Mathematiklehrer Richard Uetzmann berichtet über den zum Teil qualvollen Unterricht in den „Tertien“ (8. Klassen) um 1910, da zwei „Philologen“, die dort unterrichteten, „in ganz Hamburg gefürchtet“ gewesen seien, – aber auch: wie Lehrer in den Ferien zu Studienzwecken, mit Stipendien ausgestattet, nach Griechenland,
Kleinasien und Ägypten reisen konnten. – Aus der Weimarer Zeit berichtet Axel von Ambesser über eben diesen seinen Klassenlehrer Uetzmann, der bei der Einweihung der Heldengedenktafel nach dem ersten Weltkrieg dazu aufrief, dass es nie wieder Krieg geben dürfe. Empörung habe sich bei einigen Zuhörern ausgebreitet, aber dennoch habe niemand gewagt, ihm offen zu widersprechen. – Geradezu populär in Hamburg soll Uetzmanns Formulierung gewesen sein: „Pädagogik ist die Kunst, jemandem gegen seinen Willen etwas beizubringen“.
 
Manch anderes Interessante ist zu erfahren: Da die Schulbehörde kein Geld bewilligte, wurden für den Unterricht erste Werkstätten
(samt einer Schmiede !) aus Spendengeldern der Elternschaft eingerichtet. – Dann wurden im Jahre 1920 die ersten Schritte in eine demokratische Selbstverwaltung unternommen: Die Sonderstellung des „Klassenprimus“ fiel weg, und statt dessen wurde eine Klassenvertretung und der Schülerrat gewählt; auch wurden Eltern- und Lehrerrat eingeführt. – Und: Ende der zwanziger Jahre war das alljährliche Sommerfest zumeist mit einem Dampferausflug nach „Finkenwärder“ verbunden, zu dem dann „auch die Eltern in großer Zahl erschienen“.
 
Verschiedene Dokumentationen berichten ausführlich über die Zeit nach 1933. Ein von Dr. Volker Ullrich (früher Lehrer am WG, jetzt Redaktionsleiter bei der ZEIT) arrangiertes Rundgespräch über den Nationalsozialismus gibt Zeugnis von der damaligen Situation. – Ein ehemaliger jüdischer Schüler aus den 30er Jahren schreibt aus Amerika über sein ungebrochenes Verhältnis zum Wilhelm-Gymnasium. – Aus weiteren einzelnen Beiträgen wird ersichtlich, dass das Wilhelm-Gymnasium offenbar eine Schulleitung hatte, die die schwierige Gratwanderung unter der NS-Diktatur zu bewältigen verstand. – Über Fahrten nach Weimar ist etwas zu erfahren, über Lehrer mit Parteiabzeichen und über die vielen anderen, die sich dem zu entziehen wußten, über Bombenangriffe und über Kinderlandverschickung. Nicht erwähnt ist allerdings, dass einige der ehemaligen Schüler des Wilhelm-Gymnasiums in dem Hamburger Zweig der „Weißen Rose“ um Reinhold Meyer (der 1944 im KZ Fuhlsbüttel starb) engagiert waren.
 
Dann folgen Berichte über die Nachkriegszeit, mit den unterschiedlichen „Notunterkünften“ der Schule, bis endlich mit dem Wechsel der Schule an den Klosterstieg eine neue Zeit anbricht. – Auch über die etwa in der Mitte der 70er Jahre begonnene „Reformierte Oberstufe“ wird ausführlich berichtet. – In dieser Zeit wurde – von Müttern initiiert und von vielen Müttern unterstützt – das „Kapheneion“ geschaffen, Frau Dr. Helga Urbach wurde Protektorin des GRV“H“ (des ältesten Hamburger Schülerrudervereins, gegründet 1906), Herr Marquardt gründete die erfolgreiche Schach-AG, und am Wilhelm-Gymnasium wurde das erste Betriebspraktikum durchgeführt.
 
Dieses Buch ist fast eine Art Geschichtsunterricht über die Historie dieses Landes, die hier am Exempel einer Schule lebendig wird, – wie nirgendwo. – Der Schulalltag gibt das Bemühen wider um ein kulturelles und geistiges Verständnis für eine aufgeschlossene Bildungsbasis. – Auch in einer neu geöffneten Informationsgesellschaft und in einer globalisierten Wirtschaftswelt sollten wir uns dieser Wurzeln immer wieder bewußt werden.
 
Hier konnten nur ganz wenige Zeugnisse aus dieser Dokumentation angesprochen werden. Es bleibt zu wünschen, dass die in den Schilderungen zum Ausdruck gebrachte Grundhaltung, die sich wie ein roter Faden durch alle einzelnen Beiträge zieht, der Schule auch in Zukunft erhalten bleibt. Leider ist dieser Band, den ich schweren Herzens seinem Besitzer wieder zurückgeben
muß, zur Zeit vergriffen. Die Ehemaligen und der Schulverein haben jedoch vor, das Buch zum 125. Jahr des Bestehens der Schule neu aufzulegen. – Dieses Vorhaben verschlingt viel Geld in der Herstellungsphase. Wer mithelfen kann, insbesondere die Druckkosten zu sichern, möge sich bitte an Dr. Schulz wenden (direkt oder über das Schulsekretariat).
 
Diese Rezension hat uns aus dem Kreis der jetzigen WG-Eltern Markus E. Wegner zugeschickt. Er ist Vater zweier Kinder am WG, Klasseneltervertreter in Klasse 5a und gehört dem Vorstand des Schulvereins an. – Er hatte die Festschrift, von der er lange nichts wußte, zufällig in die Hand bekommen, hatte sich dann darin festgelesen und anschließend seine Begeisterung spontan zu Papier gebracht.

 
Nachtrag von den Ehemaligen und vom Schulverein WG
 
Es liegt auf der Hand, dass wir, die Ehemaligen und der Schulverein, rechtzeitig zu unserem Schuljubiläum im kommenden Jahr (2006: 125 Jahre Wilhelm-Gymnasium) versuchen wollen, das vorgestellte Buch, das für die Schule fast unentbehrlich ist, neu aufzulegen. Wir können das allerdings nur, wenn wir sicher sind, dass genügend viele Exemplare verkauft werden. Nur dann sind wir sicher, dass wir die Herstellungskosten decken können. Nur dann können wir den Druck in Auftrag geben. Wir: Das sind der Schulverein und die Vereinigung der Ehemaligen. Diese beiden Vereine haben das Copyright für das Buch und sind auch bereit, im Rahmen eines Darlehens eine vorläufige Finanzierung zu gewährleisten. Die endgültige Finanzierung muß allerdings durch den Verkauf und vielleicht durch zusätzliche Spenden garantiert sein. Es bleibt uns daher nur der Weg über eine Art Subskription, mit der wir uns heute an die Mitglieder unserer beiden Vereine wenden und natürlich an alle, die an einer Neuauflage dieser Dokumentation interessiert sind. Der Preis wird (je nach Umfang eventueller Ergänzungen) ca. EUR 20,– betragen; für alle, die jetzt subskribieren, auf keinen Fall darüber.
 
Daher heute unsere Bitte: Wenn Sie bereit sind, nach Erscheinen der Neuauflage ein Exemplar zum Subskriptionspreis zu kaufen, dann teilen Sie uns das möglichst bald mit:
 
entweder: telefonisch (415 20 20; 47 88 29; 0177/251 98 59)
 
oder: per Fax (415 20 218)
 
oder: per e-mail (ehemalige@wilhelm-gymnasium.de)
 
Wir werden die Vorbestellungen dann sichten und Ihnen Nachricht geben.
 
Überweisen Sie aber bitte jetzt noch nichts für das bestellte Buch.
 
Wenn Sie allerdings schon jetzt durch eine Sonderspende helfen wollen, dass die Neuauflage der Festschrift ermöglicht wird, dann überweisen Sie Ihre Spende auf folgendes Konto:
 
Ehemalige WG Sonderkonto Festschrift
 
HypoVereinsbank Hamburg (200 300 00): 252 30 251
 
Für jede Spende erhalten Sie automatisch von uns eine Spendenbescheinigung.
 
Wir hoffen sehr, dass das Projekt gelingt. ö Daneben plant die Schule für das Jubiläum im nächsten Jahr (125 Jahre WG) natürlich die Herausgabe einer zweiten, vermutlich sehr viel schmaleren Festschrift, deren Thema die Entwicklung in den letzten 25 Jahren und vor allem das Bild des Wilhelm-Gymnasiums im Jahre 2006 sein wird.
 
Hamburg, im April 2005
 
im Auftrag der beiden Vereine: Schulz
 
 
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Streiflicht Nr. 1.
 
Natürlich: Unser „Betender Knabe“: seit Generationen so bezeichnet, Generationen von WG-Schülern und -Schülerinnen vertraut, allseits bekannt aus allen Kunstgeschichten der griechischen Antike … – Der „Betende Knabe“ also, griechische Bronzeplastik aus der legendären Bildhauerschule des hochberühmten Lysippos (Apoxyomenos, Ruhender Hermes aus Neapel, usw.); Rhodos, ca. 350 v.Chr. (dazu weiter unten). Fast ein halbes Jahrhundert lang stand er in unserem alten Gebäude an der Moorweidenstraße, wohlüberlegt in einer Ecke des wundervollen Lichthofes aufgestellt; – danach, nach 1945, nach Krieg, Ausbombung und Umzug, hat er uns auf allen Stationen begleitet: zunächst ins Gebäude der damaligen Albrecht-Thaer-Schule (dort ebenfalls im Lichthof aufgestellt, sehr schön, schräg links neben dem Eingang), – danach zum Kaiser-Friedrich-Ufer (wo er, eher bescheiden, irgendwo auf dem Flur Platz finden mußte), – bis er endlich, 1964, in unserem jetzigen Domizil am Klosterstieg wieder eine Aufstellung erhielt, für die er eigentlich gedacht war: unter freiem Himmel, auf dem Rasenplatz rechts neben dem Eingang zur Schule.
Leider fand man ihn eines Morgens neben seinem Marmorsockel auf dem Rasen liegend, zerkratzt, zerschunden und mit verbogenen und verrenkten Gliedmaßen… – Also verschwand er für lange Zeit (für mehrere Jahre) in den Werkstätten des Denkmalschutzamtes: Für die notwendige Reparatur und Restaurierung fehlte zunächst nicht nur das Geld (weit über 20.000 Mark), sondern auch das fachkundige Konzept. – Als er dann endlich wieder der Schule übergeben wurde – restauriert, geputzt, poliert -, traute sich keiner, ihn wieder an den alten Platz zu stellen. So steht er denn seitdem in der Pausenhalle, ein wenig trübselig, beengt und verloren unter dem für ihn viel zu niedrigen Pausenhallendach, aber immerhin: wir haben ihn heil wieder und sind froh darüber.
 
PS. Daß unser Betender Knabe – leider – nicht das weltberühmte Original, sondern eine (übrigens hervorragende) Kopie ist, muß wohl nicht gesagt werden. – Über die wechselvolle Geschichte der Originalstatue, die in Berlin im Alten Museum steht, hat eine unserer ehemaligen Schülerinnen vor einigen Jahren einen Bericht geschrieben: Anne-Kathrin Harms (Abit. WG 1990), in unserer Zeitschrift Wilhelm-Gymnasium (61, 1996, 63ff.: Der „betende Knabe“ und das Geheimnis um seine Identität). – Zu ihrer und unserer Freude wurde sie nachträglich in allen ihren Thesen und Ergebnissen glänzend bestätigt durch vielfache Untersuchungen,
Projekte, Publikationen, Ausstellungen, die – plötzlich – ebenfalls diesem „Geheimnis“ auf die Spur kommen wollten (und dabei viele Millionen Mark verbrauchten). – Bleibt die Frage, wie, wann, warum unser Betender Knabe ans WG kam. – Darüber bald.
 
17.12.2001
 
 
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Streiflicht Nr. 2.
 
Noch einmal: Der Betende Knabe. – Diesmal: Wer waren eigentlich diejenigen, die anno 1906, als das ‚WG seinen 25. Geburtstag feierte, spontan (oder auch nach langem Hin und Her??) den Entschluß faßten, das Geburtsgeschenk in Berlin einzukaufen, dort nämlich, im Alten Museum, eine lebensgroße Kopie des damals weltberühmten Betenden Knaben in Auftrag zu geben? Bei wem genau? In welcher Werkstatt? Mit welchem organisatorischen Aufwand?
 
Und (auch dies): Wie schafften sie es, die riesige Summe dafür zusammenzubringen (nach heutiger Rechnung viele hunderttausend Mark)? – Wir wissen es nicht. Unser Schularchiv, sonst trotz aller Kriegsschäden stets eine ergiebige Quelle, schweigt. – Vermutlich liegt es daran, dass die Aktion eine gänzlich private Initiative war: kein „Gremium“, das Protokoll führte, kein Elternrat, kein Verein der Ehemaligen (dies alles entstand erst später), sondern schlicht ein paar ehemalige Schüler, die die Initiative ergriffen, sich zusammentaten, möglichst viele andere zu gewinnen suchten, um der alten Schule aus Dankbarkeit ein Geburtsgeschenk zu machen. – Irgendjemand aus diesem Kreise muß übrigens ziemlich gut Latein gekonnt haben, denn die Formulierung auf der Sockelinschrift: „ad quinque lustra celebranda“ („zur Feier des 25. Geburtstages“, gekonnt konstruiert, mit gerundivum inversum) ist sicher nicht allen sofort zur Hand, die auf dem WG Latein gehabt haben.
 
Der nächste Akt: die Enthüllung des Betenden Knaben im Rahmen der großen Jubiläumsfeier im Lichthof des alten WG samt den dazugehörigen Ansprachen ist dann allerdings überreich dokumentiert: Alle Hamburger Zeitungen (von denen es damals, anders als heute, eine stattliche Anzahl gab) haben in ihren Morgen- und Abendausgaben ausführlich darüber berichtet. – So ist denn auch fast der genaue Zeitpunkt überliefert, an dem unser Betender Knabe das Licht des WG erblickte: Mittwoch, 25. April 1906, etwa 11.45 Uhr. – Die Spender werden natürlich nicht genannt: Alles, was dazu auf der Sockelinschrift steht, ist dies: „qui fuerunt gymnasii discipuli“, weiter nichts. – Für alle, die wissen wollen, was man damals so sagte (und wer die Ansprache zur Enthüllung der Statue hielt): Staatsarchiv, WG-Archiv, Festschrift WG,
 
– oder: Streiflicht Nr. 3.
 
18.12.2001
 
 
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Streiflicht Nr. 3.
 
– Eine halbe Stunde Stöbern im WG-Archiv hat es an den Tag gebracht: Der Redner: Hermann Otto Fick, geb. 12.11.1866 in Hamburg, Abit. WG Herbst 1887. – Wer die Festschrift WG zur Hand hat und dort nachlesen will: beinahe der erste Abiturient des WG (vor ihm, Ostern 1887, nur zwei andere, er also die Nummer 3 in unserem Abiturientenverzeichnis). – Dabei war er keineswegs einer der ersten Schüler des WG: Seine Nummer im „Album des Wilhelm-Gymnasiums“, das unversehrt erhalten ist: 423; Aufnahme: „Neujahr 1885“, in die damalige Obersekunda. – Er war vorher Schüler des Johanneums gewesen. – Was ihn bewegt hat, zwei Jahre vor dem Abitur unbedingt aufs WG überzuwechseln, wissen wir nicht. – Er hat dann Theologie studiert und ist als Pastor in Hamburg tätig geworden.
 
Seine Ansprache bei der Enthüllung des Betenden Knaben ist nicht im Manuskript überliefert; es gibt aber in fast allen damaligen Hamburger Zeitungen ziemlich genaue Berichte darüber, außerdem ein Referat des damaligen Direktors Prof. Wilhelm Wegehaupt im Jahresbericht 1906/1907 (S. 9): „Endlich nahm Herr Pastor Fick (Eimsbüttel) das Wort im Namen der früheren Schüler, die noch in Liebe und Dankbarkeit ihrer Bildungsstätte gedächten und treu an ihr hingen. Als sichtbares Zeichen dieser Liebe und Anhänglichkeit stifteten diese Schüler eine bronzene Nachbildung des sogenannten betenden Knaben, dessen Original sich in der Nationalgalerie in Berlin befindet. (Bei diesen Worten wurde die Statue, die auf einem vorläufigen Holzpostament im Lichthofe aufgestellt war, enthüllt.) – Sie soll, so fuhr der Redner fort, zum Ausdruck bringen, was das Gymnasium wolle. Sie entstamme der antiken Welt, auf deren Schultern unsere gesamte Bildung, Kunst und Wissenschaft stehe. Die antiken Sprachen mit ihrer Schönheit, ihrem Wohllaut und ihrem streng logischen Aufbau seien unsere Lehrmeisterinnen gewesen. Eine höhere Macht aus einer höheren Welt rage hinein in unser Leben, tröste und kräftige uns, das sei die Religion. Auch sie wolle das Gymnasium pflegen und wolle
das Wort des Psalmisten bezeugen: Wenn ich Dich nur habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. In diesem betenden Knaben schaue die klassische Zeit herüber in unsere christliche Welt. Darum habe man diese Statue als Geschenk gewählt. Die früheren Schüler überreichten sie mit dem Wunsche im Herzen: Gott erhalte diese Anstalt.“
 
Nach dem Dankeswort auf diese Rede wendete sich der Unterzeichnete (also: Prof. Wegehaupt) zum Schluß an die jetzigen Schüler: Sie sollten diesen Tag im Gedächtnis behalten, an dem so viele hervorragende Personen, so viele frühere Schüler der Anstalt so freundlich gedacht hätten. Wenn sie einst Männer geworden und ihrer Schule, dem Wilhelm-Gymnasium, gleiche Gesinnung bewahrten, dann würde es jederzeit gut stehen mit dem Wilhelm-Gymnasium.
 
Soweit das Referat im damaligen Jahresbericht des WG. – Wer noch einmal unsere Festschrift von 1981 aufschlagen will: Dort ist (S. 57) der Bericht aus der Abendausgabe des Hamburgischen Correspondenten vom Tag des Jubiläums (25.04.06) abgedruckt: Wort für Wort fast derselbe Text. Hatten beide dasselbe Original vorliegen? Oder hat Prof. Wegehaupt, der ja fast ein Jahr später schrieb, es sich leicht gemacht und einfach den Zeitungsbericht mit kleinen Änderungen übernommen? – Wir wissen es nicht, aber
was damals wirklich gesagt wurde, dürfte nach den überlieferten Zeugnissen doch im wesentlichen feststehen.
 
20.12.2001
 
 
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Streiflicht Nr. 4.
 
– Das Jubiläum 1906: immer noch: ein ergiebiges Thema. – Jetzt allerdings nicht mehr der Betende Knabe, sondern – zur Abwechslung – die übrigen Gaben, die den damaligen Gabentisch schmückten. Aus der Fülle der überlieferten Geschenke drei Kostproben:
 
Nr. 1: besonders liebevoll gebastelt: ein Glückwunschschreiben vom Kollegium des Christianeums in Altona, „mit dem das Wilhelm-Gymnasium in freundschaftlich-nachbarlichem Verhältnis stehe“, – lateinisch verfaßt, präzise den Stil lateinischer Urkunden aufgreifend (wer selbst einmal einen solchen Text gebastelt hat, weiß, wieviel Mühe dahinter steckt, den richtigen Ton und die richtige Formulierung  zu finden), – kurzum: das Christianeum hat sich damals viel Mühe gegeben. – Ab jetzt wörtliches Zitat aus dem damaligen Jahresbericht (allerdings ohne die kunstvolle Typographie):
 
In geschmackvoller Mappe liegt folgende, prächtig gedruckte Adresse:
 
„Q.B.F.F.F.Q.S. (quod bonum, faustum, felix fortunatumque siet): Gymnasio Hamburgensi imperatoris Guilelmo Magni illustrissimo nomine ornato, liberalitate et munificentia senatus civitatisque Hamburgensis condito et splendidissime instructo, in quo humanitatis studia omnesque artes liberales maxime florent et diligentissime coluntur, die XXV mensis Aprilis anni MDCCCCVI prima quinque lustra feliciter peracta sollemniter et rite celebranti pia vota nuncupantes ex animi sententia congratulantur Christianei Regii Altonensis rector et praeceptores, vicinitate et studiorum communione coniuncti: Arnoldt Eichler Vollbrecht etc. etc. …“.
 
Wie man sieht (und wie es zum Stil dieser Urkunden gehört): ein langer Satz, im Original ohne Punkt und Komma. – Wenn gewünscht (für den Fall, dass jemand den Text nicht auf Anhieb versteht): demnächst eine kommentierende Übersetzung. – Übrigens wurden auch am WG gelegentlich solche Texte gebastelt: einmal zur Grundsteinlegung am Klosterstieg (Festschrift 244), später dann noch einmal zur Einweihung und Übergabe der Aula.
 
Geschenk Nr. 2, schon wieder mit lateinischem Text, für viele vermutlich ein wenig skurril wirkend, aber mit ernstem und eher traurigem Anlaß: Hans Hubert Hünlinghof, Ostern 1898 in die Sexta des WG eigetreten, war am 1. Juli 1905, im Alter von 16 Jahren, beim Baden in der Alster ertrunken. – Sein Vater schenkte der Schule aus diesem Anlaß zum Jubiläum 1906: „die bronzene Nachbildung des Kaiserdenkmals am Deutschen Eck bei Koblenz, vom Künstler Hundrieser, dem Verfertiger des Denkmals, selbst
hergestellt, auf einem kostbaren eichenen Sockel … zum Andenken an seinen beim Baden verunglückten Sohn. In der Aula aufgestellt mit folgender Inschrift: … Dum fuit in terra, timuit gravis esse cuiquam; – Sis huic, quem condis, sis, pia terra, levis.“ – (Auch dies, wenn gewünscht, demnächst in Übersetzung).
 
Geschenk Nr. 3: die Gabe der Eltern: „ein Scheck über 7444 Mark für die Witwen- und Waisenkasse der Anstalt“ (d.h.: für die Versorgung der Hinterbliebenen beim Tode eines Lehrers …). – Offenbar durch Sammlung aufgebracht, daher die krumme Summe. – Insgesamt ein stattlicher Betrag: Ein Luxusmenu mit allen Getränken und allem, was dazu gehörte, kostete damals pro Person gerade 4 Mark: Glaubhaft überliefert durch die Aufstellung der Speisefolge und der Preisberechnung beim Festessen am Nachmittag des Jubiläumstages anno 1906 (im Großen Saal des damaligen Zoologischen Gartens am Dammtor). – Sollte sich jemand für die damalige Speisefolge interessieren: Steiflicht Nr. 5.
 
21.12.01
 
 
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Streiflicht Nr. 5.
 
– (das letzte in dieser kleinen Serie zum Jubiläum 1906 und zum Betenden Knaben). – Sie haben längst bemerkt, dass die Sequenz beinahe dem gewohnten Verlauf eines Weihnachtsabends folgt: zunächst das Wort des Pastors: „Das Licht scheint in der Finsternis …“, – die „höhere Macht aus einer höheren Welt“ (Streiflicht Nr.3), – dann: der reiche Gabentisch, das Auswickeln und Auspacken („Enthüllen“) der Geschenke, – schließlich, danach: das festliche Mahl. – Wir zitieren aus dem überlieferten Protokoll (Das Festessen): … „Das Menu lautete: Ochsenschwanzsuppe – Seezungenschnitten auf amerikanische Art – Hammelrücken garniert – Berner Sauce (?) – Englischer Sellerie mit Mark – Böhmischer Goldfasan – Salat – Früchte – Waldmeister-Eisbombe – Käseplatte. – Als Weine waren ausgesucht: 1893er Brauneberger, 1896er Beychevelle (was auch immer das gewesen sein mag; auf jeden Fall keine jungen Weine, fast 10 und 15 Jahre alt), dazu: Henckell trocken.“ – Preis pro Person: 4 Mark. – „Die Stimmung war von vorneherein äußerst herzlich und gehoben; ihr gab zunächst Herr Direktor Wegehaupt beredten Ausdruck, indem er sich der fast einmütigen Beteiligung freute und sein Glas den drei Jubilaren brachte. Dankend erwiderte Prof. Schader auf das Gymnasium und sein Collegium, das nach manchen schweren Zeiten und starken Trübungen jetzt in gemeinsamer Arbeit zum Wohle der Jugend
trotz aller Eigenart der Charaktere treu zusammenstehe. … Nachdem Prof. Dissel noch eine Sammlung für den vierten Jubilar, den Pedellen Russ, angeregt hatte, wurde um 8 Uhr die Tafel aufgehoben und in den Nebenräumen der Kaffee eingenommen. – Das ganze Festmahl verlief in köstlicher Stimmung aufs schönste und war ein äußerst erfreulicher Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung und treuer Kollegialität.“
 
Im Anschluß an das Essen fand am späten Abend des Jubiläumstages ein Festkommers im Weißen Saal bei Sagebiel statt: viele hundert Teilnehmer. Das Programm mit den Texten der gemeinsam gesungenen Lieder ist erhalten. Sie sollen hier nicht zitiert werden (obwohl sie für jeden Historiker eine wahre Fundgrube sind: „Sind wir vereint zur guten Stunde“, … „Kommt, Brüder, trinket froh mit mir“ usw.). – Auch dies: „Doctor Kelter wies auf einen früheren Ehrentag des Gymnasiums hin, den 17. Juni 1893, wo wir vor Bismarck gestanden“, – und „brachte den Manen des Gewaltigen ein stilles Glas“.
 
Und natürlich brachte Prof. Wegehaupt „das Hoch auf den Kaiser aus“. – Und: „Wacker und anständig hielt sich auch die Prima. – Besondere Begeisterung weckte es bei dieser, als Herr Prof. Wegehaupt sein Präsidium mit der Verkündigung niederlegte, dass sie am nächsten Tage erst um 10 Uhr zu erscheinen brauche.“ – Schluß des Kommerses: um halb zwei.
 
Nächstes Streiflicht im nächsten Jahr. – Bis dahin: Alle guten Wünsche. – Schulz, 22.12.01
 
 
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Streiflicht Nr. 6.
 
– Nun also doch noch ein letzter Text in diesem Jahr. Anlaß: die Süddeutsche Zeitung. – In der Ausgabe vom 28. Dezember 2001 wird im Feuilleton auf einer groß aufgemachten Doppelseite das Phänomen „Europa“ beschworen: „Zwölf Dinge, die Europa gemacht hat. – Zwölf Dinge, die Europa gemacht haben.“
 
Nr. 1: „die Säule: einfach vollendet“ (leider, wie man weiß, nicht ohne bedauerliche Gegenbeispiele: die Säulen in der Halle der Freiburger Universität …);
 
dann Nr. 6: „Das Lateinbuch: die Kopfnuß“. Dieser Passus (Autor: Gustav Seibt) ist so wunderbar, dass wir ihn allen denen nicht vorenthalten wollen, die aus irgendeinem Grunde die Süddeutsche vom 28. Dezember 2001 nicht gelesen haben: Winston Churchill war erstaunt. Er absolvierte seine erste Lateinstunde; der Lehrer übte die Deklination von mensa, der Tisch. Beim Vokativ – „O mensa“ – erkärte er: „Du verwendest ihn, wenn du einen Tisch anredest.“ – „Aber das tue ich doch nie“, entfuhr es Winston, worauf er sich eine Kopfnuß einfing. – Das Beispiel in unserem Lateinbuch (München 1970) war nicht viel sinnvoller: „O rosa“, – lange bevor wir im Deutschunterricht den Vers „Rose, oh reiner Widerspruch“ kennenlernten. – Doch unser Deutschlesebuch enthielt schon in der Unterstufe die Geschichte des wegen seines aufsässigen Erstaunens bestraften Churchill.
 
Das allererste Lateinbuch trug auf dem Umschlag ein römisches Relief, das Schüler mit ihrem Lehrer zeigte. – Hatten die Römer … auch schon Latein gelernt? Daß sie diese Sprache von sich aus gesprochen haben sollten, schien schwer vorstellbar. – Churchill, das Relief auf dem Buch – alles im Lateinunterricht vermittelte ein sonderbares Gefühl: Wir taten da etwas, was in allen möglichen Ländern seit vielen Generationen Schüler wie wir auch schon getan hatten. Wir paukten genau dasselbe ziemlich sinnlose, ziemlich ehrwürdige Zeug. Diese Ahnung einer raum- und zeitübergreifenden Schicksalsgemeinschaft in der sanften Absurdität der ersten Lateinklasse ist der letzte Nachhall weit größerer, mächtigerer Gemeinsamkeiten, die weit mehr als ein Jahrtausend überspannen und dazu beitrugen, aus einer geographisch, ethnisch und sprachlich zerklüfteten Ländermasse einen zusammenhängenden
Kulturraum zu machen. Das Lateinbuch ist das Schulbuch Europas. Ein anderes gab es zunächst gar nicht. …
 
Latein ist die Sprache Europas, der Rest sind jene rasch erlernbaren „Dialekte“, von denen Ernst Robert Curtius sprach, und die, wie das Französische, für kurze Perioden das Lateinische als Gemeinsprache ergänzten. Wer als Kind erst einmal akzeptiert hatte, seinen Dialekt abzustreifen und mit einem Tisch zu reden, der durfte schon wenige Jahre später mit ganz anderen Geistern Umgang pflegen.
 
 
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Streiflicht Nr. 7.
 
– Von den Anfängen … – Hamburg, November 1879: Die Lage war dringend; der Hamburger Senat und die erst kürzlich gegründete „Oberschulbehörde“ mußten handeln: Die Einwohnerzahl Hamburgs steuerte auf eine halbe Million zu, aber immer noch gab es – neben einer Realschule (einem Ableger des Johanneums) und einer lateinlosen Höheren Bürgerschule (der späteren Albrecht-Thaer-Schule) nur die alte „Gelehrtenschule“, die anno 1529 in den Räumen des Klosters St. Johannis ihren Lehrbetrieb aufgenommen hatte (am Alsterfleet, etwa in der Mitte des heutigen Rathausmarktes). – Es liegt auf der Hand, dass diese
eine Gelehrtenschule (das heutige Johanneum also) für die riesige und rasch wachsende Stadt längst nicht mehr ausreichte.
So ging denn unter der Überschrift „Vermehrung der Höheren Staatsschulen“ unter dem 24. November 1879 der Antrag des Senates an die Bürgerschaft, eine zweite, vom Johanneum gänzlich unabhängige Gelehrtenschule zu errichten. – Bereits Januar 1880 wurde der Antrag von der Bürgerschaft genehmigt. – Dies war übrigens die allererste Gründung eines staatlichen „Gymnasiums“ (wie man eine Schule dieser Art bereits zwei Jahre danach nannte) durch den Senat der Freien und Hansestadt Hamburg (die alte Gelehrtenschule war ja noch eine kirchliche Gründung gewesen). – Erster Bürgermeister und Präses der Oberschulbehörde zu der Zeit: Gustav Heinrich Kirchenpauer.
 
Zum Ärger vieler ging die Sache dann doch nicht so schnell: Das neue Kind hatte noch keinen Namen und keine Herberge. Auf den Namen mußte es noch drei Jahre warten, aber das störte kaum einen (man sagte schlicht: „Neue Gelehrtenschule“), – ohne ein Gebäude aber konnte der Unterricht schwerlich beginnen; zum Glück traf es sich, dass vor dem Holstentor, an der NO-Ecke
des Heiligengeistfeldes, ein geeigneter Bauplatz zur Verfügung stand, und dort wurde dann in großer Eile ein eher winziges Fachwerkhaus errichtet, das fürs erste als provisorische Unterkunft ausreichen sollte, zunächst nur für die Unterklassen. Das Haus steht merkwürdigerweise noch heute, zu Füßen der (späteren) Gnadenkirche, gegenüber der ehemaligen Albrecht-Thaer-Schule; wer es sich ansieht, mag sich wohl darüber wundern, dass hier die Geschichte des WG ihren Anfang nahm.
 
Genauer „Geburtstag“: Montag, 25. April 1881, 10 Uhr vormittags.
 
– Für die Eröffnungsfeier war natürlich in dem genannten Neubau kein Platz; so wich man – wie nach dem Kriege immer wieder – in die Aula einer Nachbarschule aus, diesmal in die Aula des Johanneums, das inzwischen die gotischen Räume des Johannisklosters längst verlassen hatte und am Speersort, neben der Petrikirche, auf dem Platz der ehemaligen Hamburger Domkirche, ein neues Haus bekommen hatte (heute zerstört und abgerissen). – Dort also wurde die Neue Gelehrtenschule feierlich eröffnet. – Es sang der Schülerchor des Johanneums. – Zum Schluß, gegen 12 Uhr, wurde „unter Orgelbegleitung von der gesamten Versammlung der Choral ‚Nun danket alle Gott‘ angestimmt“ (zitiert aus der damaligen Schulchronik).
 
Vorher, Sonnabend, 23. April, hatte, „so gut es in den eben erst von den Bauhandwerkern verlassenen Räumen ging“, die vorläufige Aufnahmeprüfung der angemeldeten Schüler stattgefunden, und am Tag nach der Eröffnung, am 26. April also, begann der Unterricht, „wenn auch noch mit nassen Wänden“ (Schulchronik). – Anwesend: 99 Schüler, der Direktor, fünf ordentliche Lehrer,
ein technischer Lehrer – und zur Ausbildung der Kandidat Laemmerhirt. Ein Curiosum am Rande: Prof. Hermann Genthe, Director der Neuen Gelehrtenschule, hatte offenbar im Eifer des Gefechtes vergessen, für die Eröffnungsfeier am Montag die entsprechenden Einladungen zu verschicken. – Überliefert (und in der Festschrift im Faksimile abgebildet) ist ein besorgter und geradezu väterlicher
Brief des Bürgermeisters, man müsse solche Einladungen frühzeitig verschicken, sonst werde keiner kommen. – Der Brief ist datiert: 22. April, also Freitag…: „Es wäre heute, Freitag, die höchste Zeit, die Karten ausbringen zu lassen; ich fürchte, es ist schon zu spät.“ – Es scheint dann aber doch noch geklappt zu haben, denn erhalten ist ausgerechnet die Einladungskarte „für Herrn Bürgermeister Dr. Kirchenpauer, Magnifizenz“ – vermutlich am Sonnabend oder Sonntag mit Reitendem Boten „ausgebracht“.
 
7.1.2002
 
 
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Streiflicht Nr. 8
 
– Der Name „Wilhelm-Gymnasium“. – Von heute her schwer vorstellbar: Kaum jemand hatte 1881 ein Interesse daran, wie die neue Schule denn nun heißen sollte. Man sagte schlicht: „Neue Gelehrtenschule“, und so stand es auch auf dem Kopf des Briefpapiers, das die Schule täglich benutzte. – Ein einsamer Vorschlag des damaligen „Directors“, Prof. Genthe, der Schule nach ihrem damaligen Domizil den Namen „St.-Pauli-Gelehrtenschule“ oder (in Anlehnung an das Johanneum) „Paulinum“ zu geben, fand – verständlicherweise – wenig Widerhall und noch weniger Unterstützung. – So blieb es zunächst bei der „Neuen Gelehrtenschule“.
Bewegung kam in die Sache schließlich: – nicht durch die Schule, nicht durch die Behörde, nicht durch die Eltern, sondern durch eine Art Bürgerinitiative: Eine Reihe von Hamburgern, Kaufleuten, Juristen, Ärzten, Literaten … (die allesamt mit der Schule direkt nichts zu tun hatten, dort auch keine Kinder hatten, denen aber gerade diese Schule wichtig war, weil sie für Hamburg eine unvergleichliche Institution sein würde) hatten bereits vor der offiziellen Eröffnung eine Eingabe an die Oberschulbehörde
und den Senat verfaßt. – Ihr Vorschlag: „Lessing-Gymnasium“. Sie hatten argumentiert, dass ausgerechnet das Jahr 1881, Gründungsjahr der neuen Schule, überall in Deutschland als Lessingjahr gefeiert werde (Lessing, gest. 15. Febr. 1781), und hatten dabei insbesondere auch an die Grundsteinlegung für das Hamburger Lessingdenkmal erinnert.
 
Der Text der Eingabe und die Begründung sind allen, die unsere Festschrift kennen, bekannt: Die erste Seite steht, liebevoll reproduziert, als Hintergrund auf dem Umschlag der Festschrift und noch einmal auf den Seiten 16ff.; die entscheidenden Stichworte: „Geistesklarheit, Geistesfreiheit, hohe ideale Richtung und ernstes wissenschaftliches Streben“. – Für diese Werte solle die neue Schule einstehen.
 
So also hätte unsere Schule heißen können, wenn nicht … – Wer Genaueres über die lange Geschichte der Namensgebung wissen möchte, lese in unserer Festschrift den glänzenden Beitrag von Renate Hauschild-Thiessen (S. 15 ff.). – Hier nur soviel: Der Senat, offenbar mit der Sache überfordert, übergab die Angelegenheit zunächst dem Archivar Otto Beneke. – Seine ablehnende Stellungnahme ist überliefert (Reproduktion des handschriftlichen Entwurfs: Festschrift, S. 21) und gipfelt in dem inzwischen immer wieder zitierten Dictum, mit Lessings Namen sei leider „die Vorstellung eines gewissen Freidenkerthums oder der Freigeistigkeit, sowie eines stark prononcierten kritisch-polemischen Charakters“ verbunden, „Geistesrichtungen, deren Pflege unmöglich in den Lehrplan eines Gymnasiums“ passe. … Benekes eigener Vorschlag („Harvestehuder“ oder besser noch: „Herwardeshuder Gymnasium“) fand wenig Gegenliebe, – seinen Bedenken gegen den „Freidenker Lessing“ mochte man sich allerdings auch nicht widersetzen (einziger Fürsprecher im Senat damals: Rechtsanwalt John Israel), so dass nach wie vor alles offen war.
 
Es war schließlich das Votum von Johann Georg Mönckeberg (auch einen Namen wie „Wilhelms-Gymnasium“ könne man in Erinnerung an den ersten Kaiser des neuen Deutschen Reiches „wohl rechtfertigen“), an das sich offenbar einige erinnerten, als es am 21. Februar 1883 im Senat zur Abstimmung kam. – Ergebnis: „Wilhelm-Gymnasium“ (ohne s, aber mt Bindestrich) solle hinfort der Name der neuen Schule sein. Dazu Renate Hauschild-Thiessen: „Warum … läßt sich nicht beantworten. … Daß es eine
Verlegenheitslösung war, durfte sicher sein; … man war der Sache allmählich überdrüssig, man wollte sie endlich vom Tisch haben. Und da allerorten im Deutschen Reich Straßen, Plätze, Schulen und anderes mehr nach Wilhelm I. benannt wurden, … so mochte
die neue Anstalt eben seinen Namen tragen.“ „Daß der Archivar Otto Beneke außer sich war, versteht sich. … An jenem 21. Februar 1883 schrieb er in sein Tagebuch: Senatus bestätigte leider den Beschluß der Oberschulbehörde, das neue Gymnasium „Wilhelm-Gymnasium“ zu benennen. – Speichelleckerei! – Was hat der Kaiser damit zu schaffen? – Dann lieber gleich ‚Preußen-‚ oder ‚Verpreußungs-Gymnasium‘.“
 
 
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Streiflicht Nr. 9
 
– Abschiedsrede Gabriele Krüger.
 
– Vielleicht eher unter „Varia Variorum“ einzureihen. – Es hat aber seinen Grund, dass dieser Text gerade hier erscheint. – Gabriele Krüger, seit August 2003 im Ruhestand lebend, wurde am letzten Schultag vor den Ferien (2. Juli 2003) in einer Feier in unserer Aula verabschiedet; zum Abschluß hat sie – reich beschenkt und reich gelobt – selbst noch einmal das Wort ergriffen: „Vielleicht wäre es eine Enttäuschung für viele, wenn ich hier kein Gedicht aufsagen würde. – Nun denn:
 
Nun fortzugehn von alledem Verworrnen,
 
das unser ist und uns doch nicht gehört,
 
das, wie das Wasser in den alten Bornen,
 
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört;
 
von allem diesen, das sich wie mit Dornen
 
noch einmal an uns anhängt – fortzugehn
 
und das und den,
 
die man schon nicht mehr sah
 
(so täglich waren sie und so gewöhnlich),
 
auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich
 
und wie an einem Anfang und von nah, –
 
und ahnend einzusehn, wie unpersönlich
 
wie über alle hin das Leid geschah, … usw. usw.
 
Passen diese Verse nicht vortrefflich zu meinem Abschied? – Geschrieben sind sie aber auf den Abschied eines jungen Mannes, der sich sein Erbe greift und sein Elternhaus verläßt, um ein Leben als Wüstling zu führen, – eine ganz andere Situation also als die meine (es ist: „Der Auszug des verlorenen Sohnes“, von R. M. Rilke). – Was lernen wir daraus? Daß alle tiefergehenden Abschiede im Grunde gleich sind. Und dieser Abschied ist für mich wahrhaftig ein einschneidender,  – vergleichbar wird nur meine Beerdigung sein, die aber für mich den Nachteil hat, dass ich wahrscheinlich nichts von der Feier mitbekomme.
Deswegen genieße ich diese hier ganz besonders. Wann werde ich je wieder einen solchen An- und Ausblick geboten bekommen?! Nie! – Das ist für mich das Traurige an diesem Abschied: nie wieder die Menge der Schüler zu sehen. Am schönsten
und rührendsten sind sie, wenn sie eine Arbeit schreiben, mit ernsten, eifrigen Gesichtern, ihrer Aufgabe hingegeben. Dieser Anblick allein schon lohnt es, Lehrer zu werden.
 
Der Lehrerberuf ist einer der urtümlichsten, ebenso wie der des Bauern, des Soldaten und der Hure, und er hat mit diesen gemein, dass er in der Bewertung zwischen den Extremen Verherrlichung und Verachtung schwankt. Nur dem Lehrer jedoch ist es eigen, dass man ihn steigern kann – und mehr noch: dass er durch diese Steigerung an Wert und Würde verliert. Das hat er mit seinem Gegenstück, dem Schüler, gemeinsam: Der Oberlehrer ist, wie der Musterschüler, bestenfalls lächerlich, immer aber
unerfreulich und eine Plage seiner Mitmenschen. Aus dieser Tatsache ließe sich eine ganze Fortschrittskritik ableiten, worauf ich hier jedoch verzichten will, einstweilen jedenfalls – implizit wird sie weiter mitschwingen.
 
Warum bin ich Lehrerin geworden?
 
Es ist nicht falsch, wenn ich sage: aus Begeisterung. Den Lebenserfahrenen wird das mißtrauisch stimmen hinsichtlich dessen, wie ich meinen Beruf ausgeübt habe. Wer einmal auf Schallplatte gehört hat, wie die Millionärsgattin Florence Foster-Jenkins die Arie der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ singt, weiß, was dabei herauskommt, wenn man eine schwierige Aufgabe ausschließlich mit Begeisterung zu bezwingen hofft. Begeisterung war für mich die Ausrede, wenn ich vor Pädagogik und Didaktik gedrückt habe, die ich immer langweilig fand. So ist mir auch immer etwas Dilettantisches in meiner Arbeit geblieben, etwas, was die Schüler teils erfreute, teils verwirrte, und manche haben wohl auch darunter gelitten und mir das mit Recht vorgeworfen. Begeisterung – aber wofür? Für die Kinder und für die Fächer. Beides, so hoffte ich, würden mir ein Leben lang Neues bieten und mich glücklich machen, und diese Hoffnung hat nicht getrogen. Die Wechsel der Zeiten habe ich um so besser wahrnehmen können, als ich über dreißig Jahre am selben Ort geblieben bin. Allmählich fühle ich, die ich nun schon die Kinder meiner ehemaligen Schüler zu Schülern habe, mich wie ein Leitfossil. Ein alter Schüler nannte mich einmal einen Dinosaurier – durchaus liebevoll und ein bißchen wehmütig ob des Aussterbens dieser Rasse. Ganz anders als die für mich zuständige Oberschulrätin, die mir neulich verkündete, so was wie ich sei jetzt überholt; – dies sagte sie mit der Zufriedenheit eines Nutzviehzüchters, der einem Dinosaurier sein Aussterben ankündigt. Was nun zweifellos stirbt, ist das Nutzvieh, – aber wer hat das Ungeheuer von Loch Ness sterben sehen?!
 
Nützlichkeit und Verwertbarkeit habe ich, unwürdige Erbin des deutschen Idealismus und der Romantik, immer ein wenig mit hochmütiger Verachtung betrachtet, gemäß dem Satz: Lieber aus den Wolken als aus dem dritten Stock gefallen. (Ehrlicherweise
muß ich sagen, dass einem der Beamtenstatus diese Haltung erleichtert.) Und von dem, was ich denn doch an Pädagogik zu mir genommen habe, hat mir am besten die These gefallen: die Schule habe jeweils eine Alternative zum Zeitgeist darzustellen, wie auch immer dieser sich gerade kostümiere. Wenn ich an die geradezu erschütternde Harmlosigkeit denke, mit der unsere Abiturienten der letzten Jahre sich in den Kreislauf der Konsumwelt einreihten: Geld verdienen, mit dem man sich dann den konventionellen Glanz einer Abschiedsfeier kauft, so träume ich von neuen Generationen, die antreten unter der Parole: „Wir haben nichts, wir können etwas, und deshalb sind wir auch etwas, unverwechselbar und nicht auszutauschen!“ Und sie schmücken die Aula mit niegekannter Phantasie zum Festsaal, sie machen ihre Musik selbst, sie spielen Theater und Kabarett und machen sich ein bißchen über die Lehrer lustig – wie wir es hier schon einmal hatten.
 
Mich verdrießt eine Schule, die nur noch ein Zulieferbetrieb für die Welt der Geschäftsführer ist, mit geschultem Oberlehrer-Personal statt gebildeten Lehrern, gesäubert und von allem Überflüssigen befreit. „Das Überflüssige, hüte es. Viel nämlich bleibt nicht von dir, wenn du es fortwirfst.“ Das stammt von H. M. Enzensberger, und damit bin ich beim Thema Bibliothek. Denn wenig hat mich in meiner Zeit hier so geschmerzt wie die Zerstörung und Verstümmelung unserer gewachsenen Bibliotheken, die einem stumpfen
Nützlichkeitsdenken zum Opfer gefallen sind. – Nun soll hier eine Bibliothek mit Arbeitsraum für die Schüler entstehen, und meine
Freude ist groß. Ehrt, schätzt, nutzt und vermehrt sie! Und ich will, wie das erwähnte Ungeheuer von Loch Ness, ab und zu auftauchen und eine Sitzwache übernehmen, denn Schätze müssen leider gehütet werden. Das war schon immer die Aufgabe der Dinosaurier und Drachen.
 
Ich habe zu Anfang geschildert, wie einschneidend dieser Abschied für mich ist. Was aber bedeutet er fürs WG? Viel! – Mit meinem Weggang, d.h. hier und jetzt, verjüngt sich das Kollegium schlagartig. – Möge damit eine glückliche Zeit anbrechen!“
 
 
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Streiflicht Nr. 10
 – Abituransprache Gabriele Krüger, Juni 1999.
 
Noch einmal Gabriele Krüger:
 
Den folgenden Text mag wohl mancher eher für eine Satire halten und nicht für eine ’seriöse‘ Abituransprache. Wie jede
gelungene Satire enthält er allerdings eine gehörige Portion Wahrheit; er hatte seinerzeit natürlich die Lacher auf seiner Seite,
obwohl die Wahrheit nicht zuletzt die Lacher selbst betraf. – Offenbleiben mußte damals, wie weit alle Beteiligten nach den munteren Eskapaden des Mittelteils den Schluß, der nun ganz ernst gemeint war, überhaupt noch wahrgenommen haben.

 
Das Ideal und das Leben,
 
– so überschreibt Schiller eins seiner philosophischen Gedichte, worin er mit der kühnen Gebärde des Klassikers die Totalität
des Daseins umfaßt. Wenn es dann beginnt mit den wohlgeformten Versen
 
Ewigklar und spiegelrein und eben
 
fließt das zephyrleichte Leben …,
 
so merken wir schnell, dass es sich hier um das Ideal handeln muß, – das Leben ist nicht so, schon gar nicht das Schulleben, das ich hier mal einfach mit dem Leben schlechthin gleichsetzen will (aus guten Gründen, die zu nennen aber hier zu weit führte; sie werden schon evident werden).
 
Daß das Ideal und das Leben aber nicht immer Gegensätze waren, jedenfalls nicht in der Schule, lassen die Eingangsworte Jean Pauls in einer seiner fiktiven Lehrerbiographien vermuten: „Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meeresstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wuz! – Der stille, laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum: Deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern, – und schon außer dem Grabe schliefest du sanft!“
 
Wieviel hat sich seitdem geändert! – Bisweilen wird noch in Abiturreden darauf hingewiesen, dass das Wort ‚Schule‘ sich vom altgriechischen Ausdruck für ‚Muße‘ herleitet, – es wird dabei nichts weiter deutlich, als dass dieses Wort einen weiten Weg hinter sich hat – und ganz woanders angekommen ist, nämlich in einem Assoziationsfeld, das bestimmt wird von unaufhörlichem Getümmel, wobei der Grad von Gewaltsamkeit bestimmt, ob es eher das Getümmel eines Jahrmarkts oder einer Schlacht ist.
 
Hier schon wird evident: Schule ist Leben! – Denn: „Das Leben besteht in Bewegung“, zitiert Schopenhauer den Aristoteles, und fügt hinzu, er sage es mit offenbarem Recht, denn: „Unser Leben ist nämlich ein wesentlich rastloses“, – wobei er interessanterweise das Lernen zu den Manifestationen der Rastlosigkeit zählt. Der Augenschein mag uns zwar manchmal zu der Ansicht verführen, der Schüler sei zwar rastlos, aber er lerne nicht. Dieser Schein trügt meines Erachtens und verflüchtigt sich, sobald man die Maßstäbe
ändert, sobald man nicht mehr fragt, was er lernen sollte, sondern was er tatsächlich lernt.
 
Überhaupt ist es hilfreich und tröstlich, wenn man seine Wahrnehmungen in einen anderen Kontext stellt: Von der konventionellen Vorstellung von Schule her betrachtet, ist die Oberstufe eine Verfallserscheinung. Alles wirkt ungesichert, vorläufig, zufällig. Die Naturwissenschaftler und Künstler mögen sich noch in Fachräumen verwurzeln – obwohl auch diese periodisch von wandernden
Horden heimgesucht werden -, die Geisteswissenschaftler suchen aufgrund fragwürdiger Pläne wechselnde Räume auf, in denen sie Schüleransammlungen zu finden hoffen, die ausweislich gewisser Listen „Kurse“ sein sollen. Den Schülern geht es entsprechend: Je nach Fächern und Lehrern trifft der Oberstufenschüler dieselben Jahrgangsgenossen in wechselnden Kurszusammensetzungen in wechselnden Räumen an.
 
Im Laufe der vier Semester bewirkt die Gewöhnung eine gewissen Stabilität, jedoch nie soviel, um den Eindruck von Durchreise, ja Nomadentum ganz zu verwischen. Viele Schüler erscheinen mit Gepäck und Proviant: Sie schmettern pralle Rucksäcke auf die schmalen Tische und postieren die Colaflasche in Reichweite; die Reisekleidung legen sie, schon aus Mangel an Garderobenhaken
und wegen der Unzuverlässigkeit der Heizung im Winter, aber auch aus Gewohnheit, nicht mehr ab: in bauschigen Allwetterjacken und der unentbehrlichen Baseballkappe hocken sie da, jederzeit zum Aufbruch gerüstet. Manche erscheinen auch, oft etwas verspätet, mit gänzlich leeren Händen, aber sie machen energisch auf ihre Anwesenheit aufmerksam, damit man sie notiere, und passen den Augenblick ab, wo sie kurz auf den fahrenden Zug des Unterrichtsgesprächs springen können, damit sie Mitarbeit
gezeigt haben. Solche Beiträge mag der Göttinger Professor Lichtenberg vor über 200 Jahren gemeint haben, als er vom „kühnsten Flug des faselnden Menschen“ sprach. – Andere Schüler dagegen suchen im Unterricht nur ein Dach über dem Kopf, Stuhl und Tisch, um individuelle Schreibarbeiten zu erledigen. Dem um Aufmerksamkeit heischenden Lehrer wird beschieden: „Aber ich mache doch keinen Lärm, also was stört Sie denn?“. – Partnergespräche gelten aus Schülersicht gleichfalls nicht als Lärm, und den glücklichen Umstand, das Semester einmal großenteils und sitzend versammelt zu finden, nutzen Funktionsträger des Abi-Komitees, um auszufüllende Listen herumzugeben. – Mit der Anwesenheit hapert’s allerdings oft, und man sollte vielleicht einen Wahrsager
dafür beschäftigen, ob der Lehrer überhaupt Schüler vorfinden wird: drei Viertel der Teilnehmer versickern nach Vollversammlungen
irgendwo, sieben sind mit dem Leistungskurs in Berlin, drei haben Orchesterprobe, fünfzehn schreiben Klausur etc. etc.
 
Beim Aufbruch erweist sich der Schüler wiederum als Nomade: er ergreift das Marschgepäck und läßt ansonsten, um mit Schiller zu sprechen, „die Triften wüste liegen, wo er strich“. – Ein oder zwei Schüler, die „vor dem Aufwachen aufgestanden sind“, wie Ortwin Runde sagte, schrecken aus dem Schlaf hoch und verschwinden fluchtartig. Eine Colaflasche fällt um.
 
Sie sehen: Schule ist Leben: stets im Fluß, von Vergänglichkeit bedroht. Und diese Vergänglichkeit, dieses uralte Leid der Menschheit, empfinden die Schüler, vor allem im vierten Semester. Und sie kommen ganz von selbst darauf, – denn, um wieder Lichtenberg zu zitieren, „das Brauchbarste in unserem Leben hat uns gemeiniglich niemand gelehrt“ -, dass zweierlei im reißenden
Fluß der Zeit ein Fixpunkt ist, indem es die Zeit einfach aufhebt: das Fest und das Denkmal.
 
Beginnen wir mit dem Denkmal. Musil irrte, als er behauptete, Denkmäler würden nicht wahrgenommen: Jeder Jahrgang der letzten Dekade hinterließ irgendein Monument, das für sich dem Betrachter wenig Reiz bot; aber bemerkenswert schien mir, wie sehr die Schüler an ihnen hingen. Das ging so weit, dass ein Kandidatenteam für die Schulsprecherwahl folgenden Punkt in ihr
Programm aufnahm: „Pflege der Abidenkmäler“. Bedenken Sie, was das heißt: Denkmalpflege als Ziel der Schüler! – Nebenbei: Es hat nichts genützt; die Denkmäler haben das Schicksal eines Kunstwerks von Joseph Beuys erlitten, das von einer Putzfrau weggesäubert wurde: Leben und Vergänglichkeit (in Gestalt der Schulleitung) schritten über sie hin.
 
Warum das Fest ein Damm im Fluß der Zeit, eine Leugnung der Vergänglichkeit ist, will ich hier nicht weiter ausführen. Die Schüler wissen es (auch wenn es ihnen vielleicht nicht bewußt ist), und so feiern sie im vierten Semester, jedes Jahr mehr. Der überraschte Lehrer hat also immer wieder Gestalten in dem ohnehin schon, wie oben geschildert, an ein Nomadenlager gemahnenden Kurs, die einem fremden Stamm zugehörig zu sein scheinen: Extraterrestrische, Hippies oder Gottweißwas. Leider hebt sich das Fest in seiner Wirkung selber auf, wenn es zu häufig wird: Ist es keine Ausnahme mehr, so verfällt es gleichfalls dem Gesetz der Vergänglichkeit. Das Kippen einer Erscheinung in einen anderen Zustand, ihr dialektischer Umschlag, wird uns sogleich noch einmal begegnen.
 
Sie irren übrigens, wenn Sie meine Beschreibung des Kursalltags für ein Lamento halten. Menschen von eher grimmiger Natur lamentieren selten. Beispiel: Thomas Bernhard. Er behauptet: „Wenn Sie gern leben, wie ich, dann müssen Sie halt in einer Art ständiger Haßliebe zu allen Dingen leben.“ Tatsächlich: seit dreißig Jahren sehe ich mich in der Schule zwischen Begeisterung und Wut taumeln, aber dies ist eben das Leben. Suchte ich Ruhe, so strebte ich zum Ideal und folgte Schillers Aufruf:
 
Flüchtet in die Regionen,
 
wo die reinen Formen wohnen!
 
Die gibt es tatsächlich! – Es gibt Baupläne für Utopien; sie sind uns gerade wieder in reicher Fülle zuteil geworden, und zwar in den Anweisungen der Schulbehörde, wie u.a. die ideale Prüfung, die vollkommene Korrektur, das einwandfreie Prüfungsprotokoll auszusehen habe. Hier waltet der Glaube der Aufklärung an die Macht der Vernunft ungehemmt. – Der Schlaf der Vernunft, sagt Goya, gebiert Ungeheuer.
 
Was aber gebiert die Vernunft, wenn sie wach ist?
 
Utopien.
 
Die Erfahrung zeigt, dass die Utopie, sobald sie in die Wirklichkeit übertritt, rasch zur Bürokratie gerinnt und damit viel von ihrem Charme einbüßt, – oder mit den Worten Thomas Bernhards: „Das ist halt so, wenn Sie ein gutes Gebiß näher ansehen, dann sehen Sie auch, mit dem ist es nicht so weit her.“ Also: Was die Schule angeht, so ziehe ich das Leben dem Ideal vor, aus ähnlichen
Gründen wie denen, mit denen Robert Walser es ablehnte, in eine bessere Abteilung seiner Irrenanstalt verlegt zu werden (man entferne sich vom normalen Leben, sagte er, ihm würde der Kontakt zum Volk fehlen). Die Schule mag bisweilen ein schrecklicher Ort sein, aber nur, solange man sie als Schule im klassischen Sinne nimmt. Vom alten, sich ständig verjüngenden Goethe stammt das Mittel, wie man sich dem Getümmel der Gegenwart entzieht: Man versetze sich im Geiste in den Orient.
 
Wie ganz anders nämlich wirkt diese Schule, ja, wieviel erfreulicher und sinnvoller, wenn man sie als Karawanserei betrachtet! Die zunehmende Möblierung des Schulhofes mag ein Indiz für diesen Wandel sein. Empörung darüber, den Ort des Geistes zur Vorstufe des Bazars erklärt zu sehen, mag der Befreiungstheologe Leonardo Boff dämpfen, der da sagt: „Ich betrachte den Markt als die vielleicht größte gesellschaftliche Errungenschaft der Geschichte.“ (Ich möchte aber doch betonen, dass, was immer Boff gemeint haben mag, ich den orientalischen oder mittelalterlichen Markt meine und nicht den kapitalistischen.) Die Karawanserei mag kein Ort für Lehrer sein, aber was ihr nicht fehlen darf, ist der Geschichtenerzähler, – und dass ich diese Gestalt für den Zwilling des Lehrers halte, haben meine Schüler ja freud- und leidvoll erfahren. Auch der Typus des Schülers wandelt sich; ich bilde mir ein, ein Exemplar davon, eine verfrühte Schwalbe, schon gesichtet zu haben: In meinem letzten Deutschkurs saß ein Mensch, der zwar drei Fünftel der Zeit anwesend war, jedoch derartig hartnäckig unbeteiligt blieb, dass ich ihm 0 Punkte geben mußte. Ich vermutete, er sei nur aus Versehen gekommen, er aber behauptete, es sei aus Bildungshunger geschehen, der sich um so
reiner offenbare, als ihm die Teilnahme sonst nichts genutzt habe: der Kurs werde ihm nicht angerechnet. Es ist mir schon seit längerem aufgefallen, dass Schüler, die man sonst nicht unterrichtet, privat, in der Pausenhalle, ernsthafte Gespräche suchen. Sie nähern sich höflich, wie ein Edler Wilder, und sind somit das Gegenbild zu dem geschniegelten Flegel, den unsere Zivillisation hervorbringt.
 
Vielleicht gehört diesem Typus des Spontanschülers die Zukunft? Arno Schmidt notiert als „Haupteigenschaften des Menschen: Geselligkeit, Spieltrieb, Faulheit, Geilheit, Doofheit, Grausamkeit“. Der klassische Lehrer arbeitet sich wund daran, sie dem Schüler auszutreiben. Der Geschichtenerzähler in der Karawanserei versucht nichts dergleichen, er bekämpft nicht einmal die Dummheit. Wie sollte er auch, wenn nach Doderer „Dummheit Leben“ ist? – Es reicht ihm, wenn der Wandernde sich neben ihn setzt und zu fragen beginnt, – vielleicht wandert er auch selber. Die schönste Geschichte von einer derart pädagogisch fruchtbaren Zufallsbegegnung scheint mir die „Legende von der Entstehung des Buches Tao-teking auf dem Weg des Lao-tse in die Emigration“. Es beginnt bekanntlich mit den Versen
 
Als er siebzig war und war gebrechlich,
 
drängte es den Lehrer doch nach Ruh …,
 
und kein Kundiger wird sich wundern, dass dieses Ruhebedürfnis den Lehrer dazu führt, zu einer Wanderung aufzubrechen, noch weniger aber, dass eine beiläufige Frage ihn aufhält, tagelang, und der Fragende sich alsbald in der Rolle des Schülers sieht, in welcher Rolle er – nach Brecht – nicht weniger Lob und Dank verdient als der Lehrer, weil er diesem seine Weisheit „entreißt“. Ich will diese Straßenräubermetaphorik nicht weiter ausspinnen, sondern hier schließen. – Wer von den Zuhörern hier weiterdenken möchte, der sei verwiesen auf das „Institut für angewandtes Nichtwissen e.V.“, Postfach 21 04 39 in 57028 Siegen, und die von ihm herausgegebene Zeitschrift „ungewußt“.
 
Wer unter den Zuhörern jetzt überlegt, ob er oder ich oder wir beide den Faden verloren hätten, der gedenke des Wortes von Heimito von Doderer: „Jedes Zu-Ende-Denken ohne Verlust des Fadens befriedigt. Diese Befriedigung ist eine lächerliche, denn beim tieferen Denken geht der Faden immer verloren.“ –
 
Ich bin Lehrer, – und als solcher nur ein Medium, kein Dichter und Denker. Sollte diese Rede Gedanken enthalten haben, so stammen sie von: Friedrich Schiller, Jean Paul, Arthur Schopenhauer, Aristoteles, Georg Christoph Lichtenberg, Robert Musil, Thomas Bernhard, Francisco José de Goya, Robert Walser, Johann Wolfgang von Goethe, Leonardo Boff, Arno Schmidt, Bertolt Brecht, Heimito von Doderer.

Sie alle seien Ihnen zur Lektüre empfohlen.
 
 
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Streiflicht Nr. 11:
 
James Franck (Abit. WG 1902), Nobelpreis Physik 1925
 
Das folgende wegen mancher Nachfragen (s. u.a. unser Schwarzes Brett): James Franck, einer unserer Abiturienten, Abit. WG 1902, hat – übrigens als bisher einziger aus dem Kreise unserer Schüler – den Nobelpreis erhalten: Nobelpreis für Physik, 1925, zusammen mit Gustav Ludwig Hertz, – und zwar, so der Text der damaligen Urkunde, „für die Entdeckung der Stoßgesetze zwischen Atomen und Elektronen“. Was das bedeutet, sieht jeder, der ein modernes Physikbuch zur Hand nimmt: Dort steht, in verschiedenen Büchern verschieden, aber letzten Endes immer gleich: „… (s.o.)“, – mit dem Versuch, es auch einem Laien oder Schüler verständlich zu machen.
 
Er, James Franck, ist also nicht vergessen, ohnehin nicht in der wissenschaftlichen Literatur, aber auch nicht bei uns: Wer unsere Festschrift von 1981 zur Hand hat, möge dort nachlesen, was dort von ihm und über ihn steht: S. 43f. –
 
Für alle, die dieses Buch nicht besitzen (es ist inzwischen gänzlich vergriffen), ist einer der Texte im folgenden abgeschrieben:
 
James Franck, zuletzt in den USA lebend, hat mehrmals mit unserer Schule korrespondiert; einen seiner Briefe schrieb er 1956 an Herrn Zinke, der sich als Vertreter des Faches Physik – und als ehemaliger Student aus Francks Göttinger Zeit – im Zusammenhang mit dem 75jährigen Jubiläum der Schule an ihn gewandt hatte.
 
Mir ist erst nach meiner Schulzeit klar geworden, warum ich ein schlechter Schüler war. Da mein Gedächtnis nie gut war, entwickelte ich eine starke Abneigung gegen das Auswendiglernen, ohne mir wirklich klar zu machen, dass die Schule ohne diese Hilfsmittel nicht auskommen kann. Selbst die Rechenregeln muß ein Kind eben ohne Begründung hinnehmen, da die Zahlentheorie zu schwer und zu abstrakt ist, um im Kindesalter verstanden zu werden. – So kam es, dass die Qual des Memorierens lateinischer
und griechischer Vokabeln und unregelmäßiger Verben etc. mir die Freude am Bekanntwerden mit der antiken Kultur verdarb.
 
Mein wirkliches Interesse wandte sich schon früh den Naturerscheinungen zu, und nichts freute mich mehr, als wenn es mit ab und zu gelang, ein einfaches Problem zu durchdenken und zu verstehen. – Oft genug spielte ich ganz zur Unzeit mit solchen Ideen. Ich erinnere mich zufällig, dass mir mitten in einer griechischen Stunde in der Untertertia klar wurde, warum ein Fettfleck, den ich auf dem Papier eines meiner Hefte beobachtete, das Papier lichtdurchlässiger macht. Das war eine rechte Freude, aber sie wurde schnell gestört durch eine Frage, die der Lehrer an mich stellte, – und seine gerechte Charakterisierung der Situation: „Der Franck hat mal wieder fest geschlafen.“
 
Ich besaß eben nicht genug geistige Disziplin, und es war mir schwer, sie zu erwerben. – Daß es doch schließlich gelang, verdanke
ich dem Wilhelm-Gymnasium. – Ich habe sie (diese Disziplin) bitter nötig gehabt, auch zu der Zeit, als ich das Glück hatte, mich ganz dem Studium der Natur zuzuwenden. Glückliche Einfälle genügen nicht, um Leistungen in der Naturwissenschaft zu erzielen, wenn sie nicht ergänzt werden durch Fleiß, Selbstkritik und die Durchführung sorgfältiger Experimente. Die Natur ist ein harter Zuchtmeister für ihre Jünger; – und meine Schulzeit am Wilhelm-Gymnasium hat mich gestählt für meinen Beruf.
 
Aber ich habe auch gute Gründe, dankbar zu sein für die fachliche Belehrung in den humanistischen Fächern; sie hat mir sehr geholfen, Einseitigkeiten meiner Interessen zu vermeiden: Kunst, schöne Literatur und Philosophie haben mir immer im Leben viel bedeutet. …
 
Insgesamt glaube ich, dass es keine bessere Vorbildung für einen künftigen Naturwissenschaftler gibt als diejenige des alten humanistischen Gymnasiums. – Ich wünschte jedoch, dass die Humanisten sich mehr des Bildungswertes der Naturwissenschaften bewußt sein würden. – Vielleicht sind sie es jetzt: Während meiner Schulzeit betrachteten jedoch viele Humanisten die Naturwissenschaften als etwas Ungeistiges, vergleichbar mit einem etwas gehobenen Handwerk. – Als extremes Beispiel mag dienen, dass mein Lehrer der griechischen Sprache mir vor dem Abitur sagte: „Ich höre, Franck, dass Sie … Physik studieren
wollen, daher habe ich nichts dagegen, Sie zum Abitur zuzulassen. Wenn Sie die Absicht gehabt hätten, etwas Vernünftiges zu studieren, so hätte ich große Bedenken.“ – Nun, das hat mich nicht gestört, denn in diesem Punkte traute ich meinem Urteil mehr als dem seinen.
 
 
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Streiflicht Nr. 12:
  Zinke: Ansprache an die Abiturienten am 12. März 1954
 
Friedrich-Wilhelm Zinke war – als Fachlehrer für Mathematik – Klassenlehrer der damaligen G 13, der altsprachlichen Klasse des damaligen Abiturjahrgangs, insgesamt also in dieser Kombination damals eher ungewöhnlich … – Neben unzähligen Ansprachen der damaligen Zeit, in denen vom Bildungswert der Fächer Latein und Griechisch die Rede war, ist hier zum ersten und, soweit ich sehe, zum einzigen Mal ein Bekenntnis zum Bildungswert der Mathematik überliefert. – Ob Zinke allerdings wußte, dass er damit in direkter Nachfolge der platonischen Akademie sprach („Wer die Geometrie nicht beherrscht, hat hier keinen Zugang“), ist nicht überliefert.
 
Meine lieben Abiturienten, hochverehrte Gäste, liebe Kollegen und Schüler
 
Wir sind heute zusammengekommen, um wieder einmal – wie in all den Jahren vorher – unsere Abiturienten in einer festlichen Stunde aus dem Leben und der Arbeit der Schule zu entlassen und ihnen unser Geleit und unsere guten Wünsche für einen neuen Lebensabschnitt mitzugeben. Wir haben außerdem die Freude, wie im vergangenen Jahre zum ersten Male, auch die hochverehrten Abiturienten des Wilhelm-Gymnasiums zu begrüßen, die vor 25 und 50 Jahren ihre Reifeprüfung ablegten. – Welch eine
weite Zeitspanne: 1904 – 1929 – 1954 …
 
Im Jahre 1946, kurz nach dem Schluß des letzten Krieges, kamen die die meisten von euch heutigen Abiturienten zum Wilhelm-Gymnasium. – Nun sind acht Jahre verflossen, in denen wir miteinander gearbeitet haben.
 
Wir, denen ihr anvertraut wart, haben versucht, eure Kräfte zu entwickeln, euch Anregungen zu geben und euch einen Teil des Rüstzeugs für das Leben zu geben, und sicher können wir beanspruchen, euch auch manches Schöne und manche Freude gegeben zu haben. Wir waren nicht nur in den engen Schulstuben zusammen, sondern, darüberhinaus, in wochenlanger Gemeinschaft in unserem Schullandhein in Schobüll, und – in den letzten beiden Jahren – auf Fahrten in den Süden. – Wollen wir, die wir dabei waren, alle diese Erlebnisse und Erinnerungen missen?
 
Aber unser entscheidendes Miteinanderarbeiten vollzog sich im Klassenraum, auf geistiger Ebene.
 
Wenn nun heute mir die Aufgabe zugefallen ist, in dieser letzten gemeinsamen Stunde mit euch Abiturienten die Jahre auf der Schule rückblickend zu überschauen, dann deshalb, weil ich für eine der beiden Abschlußklassen in den letzten Jahren der Klassenvater war. Und da wir in diesen Jahren im Unterricht im wesentlichen in der mathematischen Sprache miteinander geredet haben und mein bescheidener Beitrag für die Entwicklung eurer geistigen Kräfte entscheidend durch die Beschäftigung mit der Mathematik bedingt ist, möchte ich in den Mittelpunkt meiner folgenden Ausführungen diese Mathematik stellen – und versuchen, einen Teil
der Werte herauszustellen, die die Arbeit mit und in dieser edlen Wissenschaft mit sich bringt – oder mit sich bringen kann. Ich werde weiter versuchen zu zeigen, dass sich für den, der Eingang gefunden hat in diesen hehren Bereich, das Tor ins Reich der Kunst geöffnet hat.
 
Worin liegen das Wesen und der Wert der Mathematik, und was ist es eigentlich, was einen Menschen, der sich mit mathematischen Dingen abgibt, Freude und hohe Befriedigung geben kann? – Ich habe nicht die Absicht, zu versuchen, auf diese Fragen erschöpfend und allgemeingültig zu antworten. Ich möchte nur einen kleinen Teil der Wesensmerkmale herausgreifen, und zwar solche, die mir besonders am Herzen liegen. Ich möchte dabei ein ganz persönliches Bekenntnis zur Mathematik ablegen.
 
Beginnen wir mit formalen Werten. – Welche formenden und gestaltenden Kräfte für die geistige Entwicklung eines jungen Menschen liegen in Mathematik? – Das ist einmal die unbedingte Wahrheit, Klarheit und Exaktheit einer mathematischen Aussage. Wenn ich sage: „Integral von Null bis pi cos x dx = 0“, dann ist dies eine unumstößliche Tatsache, die ich aus einfacheren Tatsachen folgern kann. Man kann über die Richtigkeit dieser Aussage nicht verschiedener Ansicht sein. Jeder, der gelernt hat, folgerichtig zu denken – und durch die Beschäftigung mit derartigen Dingen lernt man es -, muß einsehen, dass es so und nicht anders sein kann. – Und: wenn wir jemanden bitten, er solle es uns beweisen, dann gibt es für ihn keine Möglichkeit, darumherum zu reden und auszuweichen. Er muß Farbe bekennen: Entweder er kann uns Schritt für Schritt die Richtigkeit zeigen, oder er kann den Beweis nicht führen. Ein Zwischending gibt es nicht.
 
Die Mathematik ist unbestechlich. Wer vor eine mathematische Aufgabe gestellt ist, muß sein Denken und Handeln einer strengen Zucht unterwerfen; er wird gezwungen, etwas ganz Bestimmtes zu tun. Und: um sein Ziel zu erreichen, muß er sorgfältig und genau arbeiten. Dazu bedarf es einer großen Anstrengung und vieler Geduld. Wer gezwungen ist, sich mit mathematischen Dingen zu beschäftigen, wird nicht nur in hohem Maße zur Klarheit und Straffheit erzogen, sondern auch dazu, beharrlich und geduldig zu sein.
 
Als Newton, der große englische Naturwissenschaftler und Mathematiker, eimal gefragt wurde, wie er zu seinen großartigen Leistungen gekommen sei, soll er geantwortet haben: „Dazu gehört nur Geduld.“ – Wie mancher von euch Abiturienten wollte gerade nicht vor einem mathematischen Problem kapitulieren – und hat Stunden lang gedacht, umgeworfen und neu gerechnet. Oft war es ein unbezähmbarer Drang, doch noch den Weg oder die Lösung zu suchen.
 
Ich denke an einen von euch, der nach der schriftlichen mathematischen Reifeprüfungsarbeit zu mir kam. Er hatte sich zu Hause für die nur zeichnerisch zu lösende Aufgabe die rechnerische Lösung erarbeitet und festgestellt, dass sein zeichnerisch ermittelter Wert ungenau war. Er war sich keines Fehlers in der Zeichnung bewußt. Er bedrängte mich nun, im doch noch einmal seine Zeichnung zu zeigen, um der Ungeneuigkeit nachzuspüren. Ich versicherte ihm, dass ich bei sorgfältiger Prüfung weder einen Fehler noch eine Ungenauigkeit habe entdecken können, und dass alles in Ordnung sei; die Ungenauigkeit sei wohl bedingt durch die Vielzahl der Konstruktionselemente. Er war aber keineswegs mit dieser Antwort zufrieden. Er ließ nicht locker: leise bittend kam er noch öfter in den nächsten Tagen. Er war um die letzte Wahrheit bei der Lösung der Aufgabe, die dem Mathematiker hohe Befriedigung seines Ringens gibt, betrogen worden…
 
Ohne Zweifel lassen sich die erwähnten Kräfte auch durch andere Wissenschaften und Tätigkeiten entwickeln, z.B. durch die alten Sprachen. Aber mir scheint, dass in einer Umwelt, in der manchmal Halbheit, Unwahrhaftigkeit, Schein und Oberflächlichkeit bestimmend sind, keine, im Kampf dagegen, der Mathematik überlegen ist. Kaum in einem anderen Gebiet kommt es derart darauf an, das Notwendige zu sagen und das Überflüssige fortzulassen, so dass Wesentliches vom Unwesentlichen unterschieden
werden kann.
 
Meine sehr verehrten Zuhörer: Wenn mir die eben erwähnten formenden Kräfte der Mathematik auch wesentlich erscheinen und ich sie in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen habe, so erscheint mir – und das ist eine persönliche Auffassung, wie ich ausdrücklich betone – etwas anderes das Schönste und Erhabenste an der Mathematik: etwas aus dem Bereich des Ästhetischen. Dies erscheint vielleicht auf den ersten Blick verwunderlich, zumal ich bisher gerade die nüchterne Seite betont habe, zu der Zwang, Zucht, Straffheit und Disziplin gehören. Aber vielleicht liegt das an einer unklaren Vorstellung von dem, was ein Mathematiker ist.
 
Der Mathematiker, den Sie sich bitte fortan vor Augen führen, ist nicht jemand, der Rechenaufgaben lösen oder mathematische Rezepte ausführen kann, virtuos mit Zahlen umherspringen kann und in der Welt seiner Logarithmentafel lebt, sondern jemand, der mit einem Problem ringt, von ihm gepackt wird, der von der Gesetzmäßigkeit und der Schönheit der Zusammenhänge beseelt ist und einen nicht zu stillenden Drang verspürt, die Dinge zu gestalten. Durch dieses Ringen und Formen findet er höchste und tiefste Befriedigung. Dieser Mathematiker ist ein Künstler. Er steht neben dem Komponisten, dem Maler und dem Dichter. Das Rechnenkönnen ist nur sein Handwerkszeug. – Der Kieler Mathematiker Weise hat das einmal so ausgedrückt: „Einen Mathematiker als jemanden zu bezeichnen, der rechnet, ist ähnlich inhaltslos, wie einen Dichter als jemanden zu bezeichnen, der sich mit Orthographie beschäftigt.“
 
Um das ganz zu verstehen, ist es vielleicht angebracht, sich einmal die Denk- und Arbeitsweise eines Mathematikers vor Augen zun führen: Liegt ein mathematisches Problem vor, das sich entweder klar herausgeschält hat oder auch noch verschwommen ist, dann gibt es für ihn keinen Weg, der auf kürzeste Weise zum Ziele führt. Er braucht viel Phantasie und Kombinationsvermögen. Er muß den Weg zum Ziel erst einmal erfühlen, er muß die Gesetzmäßigkeit aufspüren, er muß Hilfe holen aus dem Bereich des Irrationalen. er muß etwas von einem Träumer haben. – Als sich der vor einigen Jahren verstorbene größte Mathematiker der Gegenwart, der Göttinger David Hilbert, mit einer Dame über einen gemeinsamen jungen Bekannten unterhielt und die Dame ihn fragte: „Warum treibt er denn nicht mehr Mathematik?“, da antwortete Hilbert: „Er hatte zu wenig Phantasie.“ – Auf die weitere
Frage: „Und was ist nun aus ihm geworden?“ gab Hilbert zur Antwort: „Dichter“.
 
Im allgemeinen wird die mathematische Denkweise wohl als deduktiv angesehen. – Das stimmt auch, aber nur bedingt: Wenn es sich nämlich darum handelt, erst einmal ein Problem zu erkennen, und einen Lösungsweg zu suchen, dann ist das induktive Denken am Platze: Aus gewissen Einzeltatsachen heraus, aus Feststellungen für Sonderfälle, aus seiner mathematischen
Erfahrung heraus gewinnt der Mathematiker oft zunächst einmal aus all diesen kleinen Bausteinen ein verschwommenes Bild von dem Weg, der ihn zum Ziele führen kann. Richtschnur in seinem Suchen sind dabei auch manchmal Schönheit und Harmonie der einzelnen Bausteine untereinander, da die einfache und die schöne Lösung oft identisch sind. – Er muß mit viel Fleiß und Geduld die Dinge miteinander verknüpfen können. Es gibt kein Rezept, nach dem er sich richten kann.
 
Als einer der größten Mathematiker, der um 300 v.Chr. durch seine „Elemente“ berühmt gewordene Euklid einmal von seinem König Ptolemaios Philadelphos gefragt wurde, ob es für den, der sich mit der Mathematik vertraut machen wolle, keinen bequemeren Weg gäbe als den seiner „Elemente“, hat er stolz zur Antwort gegeben: „Für die Mathematik gibt es keinen Königsweg.“
 
Der entscheidende Gedanke kommt dem Mathematiker manchmal nicht durch scharfes Nachdenken oder logische Schlüsse, sondern urplötzlich, während eines Spazierganges, – oder abends, bei einem Glase Wein. Es tauchen plötzlich Zusammenhänge auf, er verknüpft neue Gedanken mit alten … Dann kann es ihn packen: Papier und Bleistift braucht er dann. – Dieser schöpferische
Gedanke ist das Entscheidende; durch ihn entsteht aus all den vielen kleinen Bausteinen erst ein Gebäude.
 
Aber wie bei einem Künstler überhaupt ist damit erst der erste Schritt getan. Es fehlt noch die Ausführung des Baues: Er muß seine Gedanken schriftlich niederlegen. Aber der als Künstler anzusprechende Mathematiker begnügt sich nicht mit der bloßen Darlegung seiner Gedankengänge, sondern er will diese Mitteilung in eine vollendete Form bringen, sie soll elegant sein, d.h. einfach, durchsichtig, klar, prägnant, ohne Umwege auf das Ziel lossteuernd. Dazu bedient er sich einer eigenen Sprache: der mathematischen. Nur in dieser lassen sich seine Aussagen auf eine klare und durchsichtige Weise machen. Und: Wer ihn verstehen
will, der muß diese Sprache gelernt haben, sonst ist ihm der Zugang zu dieser Welt verschlossen. Sie, diese Sprache, ist das Tor zu dieser exklusiven Kunst.
 
Dieses Ringen um die eleganteste und schönste Formulierung zwingt ihn auch zum letzten Durchdenken seiner Gedankengänge, und oftmals gewinnt er erst dadurch das Letzte an Erkenntnis. – Aber das Wesentliche bei dieser Arbeit scheint mir gar nicht immer die Notwendigkeit oder Absicht der Mitteilung seiner Gedanken an andere zu sein, sondern er fühlt oft einen bohrenden Drang in sich, seine Gedanken zu formen, zu gestalten – und in eine endgültige Form zu bringen … Es geht ihm wie einem Bildhauer, den es packt, einem Klumpen Lehm die ihm vorschwebende Gestalt zu geben.
  
Wenn dann der Beweis oder die Lösung in der konzentrierten mathematischen Sprache dastehen, nackt, ohne schmückendes Beiwerk, dann sieht man darin nichts von dem Maß an Phantasie, Intuition und von den irrationalen Kräften, die dafür nötig waren. – Man kann sich ganz klein vorkommen (?), wenn man nur die fertige Lösung sieht und ohne viel Mühe auf dem gebahnten Weg zum Gipfel geführt wird: Von dem Ringen, der Freude und dem Glück des Schöpfers spürt man kaum etwas.
 
Die Gesetze der Schönheit sind in der Mathematik selbstverständlich andere als in der Dichtkunst oder der Musik. Es ist nicht einfach, einen Fernerstehenden von dieser Schönheit zu überzeugen. Aber für einen Mathematiker kann das Kennenlernen eines Beweises oder eines mathematischen Zusammenhanges – in eleganter Weise dargeboten – wie das Lesen einer Dichtung oder das Hören von Musik sein. – Und wenn er tief eingedrungen ist in die wunderbare Gesetzmäßigkeit, Harmonie und Schönheit der Zahlen und Formen, dann kann ihn ein Gefühl überströmen, das ihn mit Bescheidenheit, Demut und Ehrfurcht erfüllt, und er fühlt sich dem Höchsten nahe und verbunden.
 
Meine lieben Abiturienten aus der G 13, deren Klassenlehrer und Mathematiklehrer ich war: Wir wollen uns nun einmal rückschauend unserer mathematischen Stunden erinnern. – Da sah es oft anders aus als in der Werkstatt eines schöpferischen Mathematikers, der ihr – natürlich – nicht wart. Wir hatten Schwierigkeiten, mit dem einfachsten Handwerkszeug umzugehen; viel Zeit brauchten wir, um überhaupt erst die mathematische Sprache zu lernen. – Oder läßt sich vielleicht doch Gemeinsames mit
dem, von dem ich sprach, aufdecken?
 
Ich habe bisher in meinen Ausführungen den nächstliegenden Sinn und Zweck der Mathematik, der ihren Wert am offenkundigsten zeigt, überhaupt nicht erwähnt: ihre praktische Bedeutung, vor allem: ihre Unentbehrlichkeit für die Naturwissenschaften und für die Technik. Diese Bedeutung ist so augenscheinlich, dass ich sie (entsprechend meiner am Anfang bekundeten Absicht, nur einige Wesensmerkmale der Mathematik herauszugreifen) nicht weiter betonen möchte. – Ich tue es auch deswegen nicht, weil
die Möglichkeit der Anwendung der Mathematik ihr Wesen nicht trifft: Die Mathematik ist für sich alleine, als Wissenschaft, ein formvollendetes Gebäude, das schön, stolz und unangreifbar dasteht, unabhängig davon, ob es in der Praxis von Nutzen ist oder nicht …
 
Dieses Bekenntnis bedeutet allerdings nicht, dass wir im Unterricht die Anwendungen vernachlässigt haben, ganz im Gegenteil: Eine unserer Hauptaufgaben bestand oft darin, in einer Fragestellung des täglichen Lebens den mathematischen Kern zu erkennen und zu isolieren. Und manchmal waren es praktische Aufgaben, durch die die mathematische Stoffauswahl festgelegt wurde. Wir haben z.B. die Geometrie der Kugel nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern haben die Bestimmung von Entfernungen, Kurswinkeln und ähnlichem als Ziel hingestellt und nur das von der Theorie herangezogen,  was zur Lösung dieser praktischen Aufgabe
notwendig ist.
 
Solches Vorgehen scheint mir fruchtbar und sinnvoll zu sein: Ein Problem wird aufgeworfen, man tastet nach einer Lösung, stößt auf
Schwierigkeiten, die nur überwunden werden können durch das Kennenlernen eines weiteren Gebietes der Mathematik. So folgt die Notwendigkeit, sich mathematisch Neues anzueignen, aus der Anwendung heraus – und nicht so, dass man sich mathematische Sätze und Zusammenhänge erarbeitet – und sie hinterher anwendet.
 
Durch die Wertschätzung der Anwendungen wollen wir uns aber nicht davon abbringen lassen, uns des Wertes der formenden und ästhetischen Werte der Mathematik, von denen ein Teil im Vordergrund meiner Betrachtungen stand, bewußt zu bleiben. Ich habe im Unterricht immer wieder versucht, euch einen mathematischen Gedankengang nicht fix und fertig darzubieten, sondern euch die Wege zur mathematischen Erkenntnis selbst finden zu lassen – und mit euch all die Umwege und Irrwege zu gehen. Ich hoffe, dass ihr etwas von dieser tastenden und grübelnden Atmosphäre eingefangen habt. …
 
Unsere hochverehrten goldenen Abiturienten von 1904 können uns vielleicht bestätigen, dass die Wege und Ziele des mathematischen Unterrichts vor einem halben Jahrhundert meistens anders geartet waren. Damals war der Unterricht, vor allem in der Geometrie, beherrscht von den Methoden und Wegen, die Euklid in seinen schon erwähnten, berühmten, etwas nüchternen „Elementen“ eingeschlagen hatte. – In diesen 13 Büchern baute er aus Axiomen, Postulaten und Definitionen die ganze Mathematik
auf. Sie sind eine Lektüre für gereifte Mathematiker, aber kein Leitfaden für solche, die erst in die Mathematik eindringen wollen.
Trotzdem lagen sie 2000 Jahre lang dem mathematischen Unterricht zugrunde. Auf diese Weise bekam der junge Lernende den mathematischen Stoff in einer kurzen, konzentrierten Form vorgesetzt, so dass Problem und Lösung nicht erlebt werden konnten. – So ist die behördliche Stellungnahme der Preußischen Domänenkammer aus dem Jahre 1804 verständlich, in der es heißt: „Es ist begreiflich, dass der Unterricht in der Mathematik nicht allen Jünglingen verständlich gemacht werden kann.“ –
 
Anders klingt das, was Lichtenberg, der im 18. Jahrhundert Professor der Mathematik und Physik in Göttingen war, in seinen Aphorismen schreibt: „Da die Mathematik keiner fremden Hilfe bedarf, so ist sie nicht allein die gewisseste und zuverlässigste aller menschlichen Wissenschaften, sondern gewiß auch die leichteste. Alles, was zu ihrer Erweiterung dienen kann, ist in dem Menschen selbst. Die Natur richtet jeden klugen Menschen mit dem vollständigen Apparat aus, wir bekommen ihn als Aussteuer mit.“ – (Anmerkung eines Griechischlehrers: nachzulesen bei Platon, Menon, 83 ff., dort fast in derselben Formulierung).
 
Meine lieben jungen Freunde: Ich wünsche, eure mathematischen Erinnerungen beschränkten sich nicht nur auf den Satz des Pythagoras, auf die Additionssätze der Trigonometrie und auf das Wissen um die Gleichung der Parabel bei verschiedener Lage ihres Scheitels. Nehmt etwas von dem Geist der Mathematik mit hinaus in das Leben, etwas von der Klarheit, der Exaktheit, der Sachlichkeit, von dem Ringen und Suchen, und viel von seiner unbestechlichen Wahrheit, seiner Gesetzmäßigkeit, Harmonie und Schönheit. Denn das, was euch die Mathematik und darüber hinaus die Schule und das Leben an Wissen um manche Dinge mitgegeben haben, ist vielleicht bald vergessen. Aber das Wesentliche ist das, was dann noch übrig geblieben ist, wenn ihr alles dies vergessen habt.
 
Dieses Übriggebliebene ist ein wertvolles Gut, es bleibt euch erhalten, wenn ihr vielleicht einmal all euren irdischen Besitz verloren habt und weinend auf den Trümmern eures Hauses sitzt. – Es hilft dem Menschen, seine Würde zu bewahren.
 
 
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