125 Jahre Wilhelm-Gymnasium in Hamburg

 
 
Veranstaltungen im Rahmen des Jubiläums sowie der Festwoche
vom 24.04.2006 bis 28.04.2006

 
Zwei Reden, welche von Ehemaligen am letzten Tag der Festwoche gehalten wurden. Herr Johannes Beutler sprach während des Senatsempfanges im Rathaus, während Herr Dirk Pette beim festlichen Ausklang im Hotel Grand Elysee gesprochen hat.
 
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Ansprache Johannes Beutler

 

Das Wilhelm-Gymnasium als Schule des Humanismus
 
Festansprache von Prof. Dr. Johannes Beutler SJ, Rom,
zur 125-Jahr-Feier der Schule im Hamburger Rathaus
am 28. April 2006

 
Herr Bürgermeister, verehrte Festversammlung,
 
gern und dankbar bin ich der Einladung meiner alten Schule gefolgt, heute an diesem Ort zu Ihnen zu sprechen. Ich denke gern und dankbar an die Jahre zwischen 1946 und 1952 zurück, in denen ich mir an dieser Schule die notwendigen Grundlagen aneignen konnte, die es mir erlaubten, mein Studium der Theologie aufzunehmen. Gestern durfte ich in dem wunderbaren Konzert im Rolf-Liebermann-Studio NDR die heutige Schulgemeinschaft erleben. Mich hat dabei auch besonders berührt, dass es im Gebäude der ehemaligen Synagoge in der Oberstraße stattfand. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich mich als Theologe und Bibelwissenschaftler dem Judentum besonders verbunden fühle.

 

Wenn ich an das Wilhelm-Gymnasium zurückdenke, dann steht vor meinem geistigen Auge weniger der Bau der Albrecht-Thaer-Oberrealschule, in der wir nach 1945 bis 1952, dem Jahr meines Abiturs, zu Gast waren, als das alte Stammgebäude an der Moorweide, Sitz des Gymnasiums von 1885 bis 1945. Es hat die Geschichte der Schule in der ersten Halbzeit ihres Bestehens erlebt und geprägt. Kein Hamburgbesuch, bei dem ich nicht an diesem Gebäude vorbeifahre. Mein älterer Bruder erhielt dort noch zwischen 1942 und 1943 Unterricht. Ich selbst kenne das Gebäude fast nur noch von außen. In den letzten Jahren hat mich zunehmend die Frage beschäftigt, seit wann und in welcher Weise die besondere Lage dieses Gebäudes ins Bewusstsein auch der Schulangehörigen getreten ist. Der eindrucksvolle Bau liegt ja nicht nur unmittelbar neben dem Hauptgebäude der Hamburger Universität, sondern auch neben dem Sitz der „Provinzialloge von Niedersachsen“, dem Hauptsitz der Hamburger Freimaurer. Von hier aus wurden vom Oktober 1941 an die ersten Deportationen von Hamburger Juden nach Polen durchgeführt. Frau Ullrich vom Lehrerkollegium hat mir den Bericht eines ehemaligen Schülers zugesandt, der an eben dem 25. Oktober 1941 Augenzeuge war, an dem sich zum ersten Mal die Juden aus dem Grindelviertel vor dem Gestapogebäude versammelten, hineingeführt und dann abgeführt wurden zum Abtransport. Er schildert, wie er in die Schule stürmte und seiner alten Klasse von dem Erlebten berichtete. Der Klassenlehrer, Dr. C. Schmidt, hörte sich den Bericht aufmerksam an und versprach, bei Gauleiter Kaufmann vorstellig zu werden, was er dann auch tat. Es verwundert nicht, dass er nichts erreichte. Aber sein Andenken sei geehrt. Heute erinnert eine Gedenkstele an der Moorweide vor unserem alten Schulgebäude an die von hier ausgegangenen Deportationen.

 

Das alte Schulgebäude trug von Anfang an die Last der Geschichte. Der Name „Wilhelm-Gymnasium“ selbst war bereits kontrovers und das Ergebnis einer längeren, am Schluss ermüdenden Diskussion. Als Alternative stand die Bezeichnung „Lessing-Gymnasium“ zur Debatte. Sie hätte einen deutlichen Bezug auf die Aufklärung als Bildungsziel bedeutet und wurde deshalb von den einen befürwortet, von den anderen aus dem gleichen Grunde abgelehnt. In dem Namen „Wilhelm-Gymnasium“ steckte seinerseits Sprengstoff. In der Bezeichnung „Gymnasium“ erhielt er einen Verweis auf das humanistische Erbe und Erziehungsziel. Mit dem Namen „Wilhelm“ bezog er sich auf das preußisch-deutsche Herrscherhaus, aber auch auf die konkrete Form der konstitutionellen Monarchie, die demokratisch verfasst war. Zwischen diesen Polen sollten sich denn auch in den ersten Jahrzehnten des Bestehens unserer Schule das politische Leben und das staatsbürgerliche Bewusstsein abspielen. Noch durch die NS-Zeit hindurch und bis in die erste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dachte ein Großteil der Lehrer national-konservativ, wie vielfache Zeitzeugnisse bestätigen.

 

Von Anfang an gehörten Juden als Schüler und vereinzelt Lehrer zum WG. Aufgrund der Nähe zum Grindelviertel soll es in den ersten Jahren der Schule bis zu 25 Prozent jüdische Schüler am WG gegeben haben, so dass es auch den Spitznamen einer „Judenschule“ erhielt. Noch nach 1933 verblieben jüdische Schüler auf dem Gymnasium, auch wenn ihre Zahl nun von Regierungsseite aus begrenzt wurde. Sie wurden, wie die Zeitzeugnisse bestätigen, durchweg fair behandelt. Zwei von ihnen – Rudolf Heymann und Herbert John Spiro – haben dies in der Festschrift unserer Schule 1981 ausdrücklich bestätigt und dabei auch den Direktor dieser Jahre, Dr. Lundius, ausdrücklich in Schutz genommen. 1938 mussten die letzten jüdischen Schüler das Gymnasium verlassen. Wessen Familie es vermochte, der wurde durch Emigration in Sicherheit gebracht. Von vielen anderen fehlt die Spur. Sie haben vermutlich den Holokaust nicht überlebt. Versuche – u. a. von Frau Ullrich und ihren Schülerinnen und Schülern – sie noch namentlich festhalten zu können, schlugen leider fehl. Dennoch wäre es erwägenswert, ihnen in der heutigen Schule vielleicht eine Gedenktafel zu widmen.

 

Ich selbst trat Ostern 1946 in die Quarta des Wilhelm-Gymnasiums ein. Unser Schulgebäude, die Albrecht-Thaer-Oberrealschule, lag vor dem Holstentor. Somit war ein räumlicher Abstand zu dem alten Sitz des Gymnasiums gegeben. Er allein dürfte aber kaum genügen, ein Phänomen zu erklären, an dem ich heute rätsele. In den ganzen Jahren von 1946 bis 1952, dem Jahr unseres Abiturs, kam die NS-Zeit nie ausdrücklich zur Sprache. Als Neutestamentler bin ich mit der Schwierigkeit vertraut, aus einem Zeitabstand von 50 Jahren ein verlässliches Bild von einer ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Zeitepoche zu gewinnen, selbst wenn man Zeitzeuge war. So helfen schriftliche Quellen, zu denen in herausragenden Maße die beiden Festschriften von 1956 und 1981 beitragen – die erste von Direktor Prof. Dr. Franz Bömer, die letztere von Dr. Peter-Rudolf Schulz herausgegeben. Hinzu kommen Hefte der Mitteilungen des WG aus den Jahren nach 1981, ihrerseits herausgegeben von Dr. Schulz, der „Seele“ unseres Ehemaligen-Vereins.

 

Nach meiner Erinnerung wie auch nach den schriftlichen Zeitzeugnissen herrschte am WG nach 1945 Schweigen über die gerade zurückliegende NS-Zeit. Ich kann mich nicht an eine einzige Unterrichtsstunde erinnern, in der etwa das Thema der Ausgrenzung von Juden aus unserer Schule angesprochen worden wäre. Eine Ausnahme bildet vielleicht die Ansprache von Prof. Wilhelm Ax bei der Neueröffnung der Schule am 3. Oktober 1945 im neuen Gebäude am Holstentor, dokumentiert in der Festschrift von 1981. In ihr brandmarkt Dr. Ax die Führergeneration vor 1945: „Sie tragen die Schuld, wenn die Jugend zu Rassendünkel und Völkerhass erzogen wurde, wenn der Grundsatz ausgesprochen und mit Grausamkeit ausgeführt wurde, dass Rassenfremde ausgerottet werden müssten.“ (S. 204) Es fehlt ein direkter Bezug zur neueren Schulgeschichte, aber hier wird ein erster Versuch sichtbar, das vor 1945 Geschehene auch zu benennen und so zu bannen. Ich war bei dieser Ansprache noch nicht zugegen, habe aber ihren Geist später noch spüren können.

 

Im Unterricht selbst war die Ära vor 1945 eher tabu. Geschichtsunterricht wurde vor 1948 nicht erteilt. Im Schuljahr 1948-49 begann die britische Besatzungsmacht, einen solchen Unterricht wieder zu ermöglichen. Ein Rückblick auf die Zeit der Frankfurter Paulskirche und der ersten deutschen Demokratie sollte zugleich unser Wissen erweitern und unser staatsbürgerliches Bewusstsein schulen. Ich kann mich an diesen Unterricht noch sehr gut erinnern. Er wurde von Dr. Hermann Lüssenhop erteilt. Er schilderte uns über Monate hinweg den Weg zur Paulskirchenversammlung, ihre Eröffnung, die dort erfolgten Debatten und vorgestellten politischen Modelle. Den krönenden Höhepunkt bildete freilich der Einmarsch der preußischen Truppen 1849, der allen Diskussionen ein jähes Ende bereitete. Ich hatte damals und habe immer noch den Eindruck, dass dieses Ende mit einer gewissen Schadenfreude berichtet wurde. Das hatte wohl verschiedene Gründe. Zunächst und vor allem: von Besatzungsmächten befohlener Demokratieunterricht ist stets ein heikles Unterfangen, wie auch Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit lehren. Zum anderen: Dr. Lüssenhop war, wie die meisten unserer Lehrer, national-konservativ eingestellt. Sie fühlten sich, wie Zeitzeugnisse bestätigen, eher der wilhelminischen Epoche als der Weimarer Republik verpflichtet. Auch aus diesem Grunde erschien unserem Lehrer denn auch das Paulskirchenexperiment eher diskutabel. Ich hatte damals und habe immer noch Respekt vor unserem Geschichtslehrer, der sein Mäntelchen nicht nach dem Wind hing und aus seiner Gesinnung keinen Hehl machte. Mit solchen Lehrern war uns letztlich mehr gedient als mit Wendehälsen. An der Distanz von Dr. Lüssenhop zum Nationalsozialismus lassen die Zeitzeugnisse keinen Zweifel aufkommen. Wir spürten sie auch bei unseren übrigen Lehrern.

 

Ein Beispiel, wie man es noch mehr als ein Jahrzehnt nach 1945 vermied, Ereignisse der NS-Zeit direkt anzusprechen, findet sich in der Festschrift des WG von 1956 auf S. 41. Studienrat Friedrich Wilhelm Zinke – einmal unser Mathemathik- und Physiklehrer – spricht von seinem ehemaligen Lehrer an der Universität Göttingen und Altschüler des WG, dem Nobelpreisträger James Franck, der im gleichen Band auch anerkennende Worte über seine alte Schule findet. Herr Zinke beschreibt kurz Frankck`s Lebenslauf. Dort heißt es dann zum Jahr 1934: „Das Schicksal führte ihn nach den USA.“ Die Formulierung ist charakteristisch für die damalige Zeit. Es erschien noch nicht opportun, die Emigration von James Franck in die USA als Flucht aufgrund der einsetzenden Judenverfolgung darzustellen. Glücklicherweise hat sich hier das Bewusstsein gewandelt, und Herr Markus E. Wegner hat zu unserem diesjährigen Jubiläum eine gut dokumentierte Ausstellung vorbereitet, die über alle Einzelheiten des Lebensweges von James Franck und deren Hintergründe Auskunft gibt.

 

Eine Bestätigung des Schweigens nach 1945 über die davor liegende Periode erhielt ich auch von Frau Dr. Beate Meyer, Mitarbeiterin des Instituts für die Geschichte der Deutschen Juden an der Rothenbaumchaussee in Hamburg. Wir verdanken ihr ein Buch über „Jüdische Mischlinge“. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933-1945. In diesem Band beschreibt sie auch die Wiedereingliederung solcher „Halbjuden“ nach 1945 in das deutsche Schulwesen. Sie hält dort die Beobachtung fest: „Auf der Tagesordnung stand nicht der Blick zurück, sondern das gemeinsame Vorwärtsgehen in eine andere Zukunft.“ (S. 368) Erst gegen Ende der sechziger Jahre wurde der Ruf zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unüberhörbar. Sie erfolgte auch am WG, wie die Festschrift von 1981 bezeugt. Besonders lesenswert ist dabei eine Gesprächsrunde aus dem Jahr 1981, die Dr. Volker Ullrich – damals noch Geschichtslehrer unserer Schule vor seinem Wechsel zur Wochenzeitschrift DIE ZEIT – mit Angehörigen der Schule der Periode vor 1945 veranstaltet hatte. Ihr folgten noch Kontroversen im Mitteilungsblatt der Ehemaligen in den neunziger Jahren, gut fünfzig Jahre nach Kriegsende und dem Ende der Nazizeit.

 

War bisher vom Schweigen nach 1945 die Rede, so muss jetzt doch das Reden zur Sprache kommen. Ich bin überzeugt, dass das Wilhelm-Gymnasium seinen Schülern nach 1945 zwar nicht direkt half, die NS-Zeit zu überwinden, aber dass es ihnen Werte und Leitgestalten vor Augen führte, die ihnen halfen, verantwortliche Staatsbürger zu werden. In diesem Sinne war das WG ein humanistisches Gymnasium nicht nur dem Namen nach. Nach so langer Zeit fällt es natürlich schwer, sich an einzelne Autoren und Texte zu erinnern. Meine Klassenkameraden haben mir geholfen, hier mein Gedächtnis etwas aufzufrischen. An manche Schulstunden erinnere ich mich auch selber noch, nicht zuletzt aufgrund der Persönlichkeit unserer damaligen Lehrer. An erster Stelle ist hier unser unvergessener Klassenlehrer Dr. Herbert Drude zu nennen. Wir lasen bei ihm u. a. die Antigone von Sophokles – ein Stück, das später in der Inszenierung von Herrn Rockel auf Griechisch zur Aufführung kam, nach einer Inszenierung der Antigone von Anouilh unmittelbar nach dem Kriege. Unmittelbar nach einer Diktatur hinterlässt die Lektüre der Antigone von Sophokles einen unvergesslichen Eindruck. Ich erinnere mich an das Wort von den agraphoi nomoi, den „ungeschriebenen Gesetzen“ (454), auf die sich Antigone gegenüber Kreon zugunsten der Bestattung ihres Bruders gegen ausdrückliches königliches Gebot beruft. Andere Edelsteine: „Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil.“ (523) Oder das Worte des Haimon: „Das ist kein Staat, der einem nur gehört“ (737). Auswendig lernten wir den berühmten Chor „Polla ta deina“ „Ungeheuer ist viel, und nichts ist ungeheurer als der Mensch“ (332ff), in dem die Ambivalenz des Menschen zur Sprache kam, auch sein „Trieb zum Staat“ (335). Solche Texte begleiten einen durchs Leben.

 

Aus der Lektüre Platons ist mir u. a. die Apologie des Sokrates in Erinnerung geblieben. Eingeprägt hat sich vor allem die Gestalt des Sokrates, der unerschrocken vor seinen Richtern steht. So liest man dann mit Gewinn diesen Dialog auch im Einzelnen nach. Ein Wort mag hier für viele stehen. Sokrates sieht sich angefragt, ob er nicht leichtfertig sein Leben aufs Spiel setzt, wenn er um seiner Grundsätze willen die Todesstrafe fürchten muss. Die Antwort lautet: „Du irrst, mein Freund, wenn du meinst, dass ein Mann von Wert das Risiko von Leben und Tod gegeneinander abwägt, statt allein darauf zu schauen, ob das, was er tut, Recht oder Unrecht ist, und seine Taten die eines guten oder eines bösen Menschen sind.“ (28b) Mir kommt hier ein Wort unseres norddeutschen Dichters Theodor Storm in den Sinn, von dem ich nicht weiß, ob ich es im Deutschunterricht oder durch persönliche Lektüre kennen gelernt habe: „Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

 

Im Lateinunterricht blieb für viele von uns Cicero eine eindrucksvolle Gestalt, mehr vielleicht als Cäsar und manche Dichter. An den Catilinarischen Reden beeindruckte uns und mich nicht nur die Kraft und Eleganz der Sprache, sondern auch das Ethos (durchaus im Sinne der antiken Rhetorik). Hier spricht einer der letzten Vertreter der römischen republikanischen Verfassung kurz vor dem Untergang der Republik und unbekümmert um persönliche Konsequenzen. Bei Catilina kam die Gefahr von links, bei Caesar von rechts. Beiden gegenüber bewahrte Cicero seinen Abstand. Am Schluss wurde er nach Cäsars Tod Opfer der Proskriptionen des 2. Triumvirats von Antonius, Octavian und Lepidus.

 

Hier melden sich Erinnerungen aus dem Englischunterricht von Dr. Edens. Erneut ist ein Text im Gedächtnis haften geblieben, auch nach Jahrzehnten – der Beginn der Grabrede des Antonius nach der Ermordung Cäsars durch Cassius und Brutus: „Friends, Romans, Countrymen, lend me your ears.“ Im Rückblick fällt es schwer, Partei zu ergreifen: Brutus hatte mit guten Gründen die Ermordung des Tyrannen gerechtfertigt. Antonius bestreitet mit gleichfalls guten Gründen den Ehrgeiz des Cäsar, Alleinherrscher sein zu wollen. An solchen Texten konnten wir auch lernen, Güter abzuwägen und zu politisch reifem Handeln heranzuwachsen.

 

Auf Vorschlag eines Mitschülers lasen wir im Deutschunterricht der Mittelsstufe Schillers „Wilhelm Tell“. Erneut steht hier ein Einzelner gegen Diktatur und Fremdherrschaft auf. Als Heranwachsende konnten wir sicher noch nicht Sinn und Tragweite der Aufklärung erfassen, die hinter dem Schillerdrama stand. Dennoch faszinierte uns die Gestalt des Schweizer Freiheitshelden. Bei der Lektüre der Festschrift von 1981 stieß ich dabei auf einen Bericht von einer der letzten Weimarfahrten des WG, noch im Jahr 1939. Die Schulklasse, die dorthin aufgebrochen war, erlebte – wie der Chronist berichtet – wohl eine der letzten Aufführungen des Tell in Deutschland, bevor das Stück endgültig verboten wurde. Ich zitiere: „Als im 2. Akt am Schluss der 2. Szene die versammelten Schweizer Bürger die Worte des Rütli-Schwures sprachen: ‚Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben’, brach ein minutenlanger Beifallsturm los.“ (S. 182) Für uns Jungen der Nachkriegsgeneration hatte der Text natürlich längst nicht mehr diese Aktualität, aber ich denke, er gehört doch zum geistigen Rüstzeug, den uns unsere Schule fürs Leben mitgegeben hat.

 

Man könnte hier einwenden, dass alle der hier genannten Texte – vielleicht mit Ausnahme des Wilhelm Tell – auch in der nationalsozialistischen Ära gelesen wurden. Dies ist natürlich richtig, aber vielleicht waren unsere Sinne nach der von uns als Kindern und Heranwachsenden erlebten Diktatur doch geschärft, so dass wir den „Ruf der Freiheit“ – der äußeren und der inneren – in solchen Texten deutlicher vernahmen. Auf jeden Fall kristallisieren sich im Rückblick auf die Schulzeit Kern- und Schlüsseltexte heraus, die einem erlauben, frei und verantwortlich zu leben und – wenn es sein muss – zu sterben.

 

Ich darf hier schließen. Wir haben die Geschichte unserer Schule von ihrer Mitte her betrachtet. Man ist versucht, den Neubeginn 1945 als die „Stunde Null“ zu bezeichnen. Dagegen hat sich freilich schon 1964 Direktor Franz Bömer beim Abschied vom Kaiser-Friedrich-Ufer und im Rückblick auf die Ära 1945-1964 ausgesprochen. Die Schule konnte beim Wiederaufbau an ihre gute Tradition anknüpfen, auch an ihr geistiges Erbe, und das wog schwerer als die äußeren Rahmenbedingungen bei Behelfsquartieren und Mangel an Lehrmitteln.

 

Ich denke, wir sind nachträglich erstaunt über das Ausblenden der nationalsozialistischen Ära aus dem Unterricht der Nachkriegsjahre, können dies Schweigen aber wenigstens zum Teil verstehen aus der Nähe der zurückliegenden Ereignisse und der Befangenheit vieler Betroffener, eigene Erfahrungen und Gewissensentscheidungen mit anderen zu teilen. Was die Schule seitdem vermittelt hat, sollte auch in der Gegenwart und für die Zukunft grundlegend bleiben: eine Hinführung zum geistigen Erbe der Antike und zur großen europäischen – nicht nur deutschen – Literatur. Zu den guten Traditionen dieser Schule gehört dabei auch die Hinführung zur Kunst, nicht zuletzt zur Musik. Humanismus kommt dann an sein Ziel, wenn der ganze Mensch mit allen seinen Sinnen geformt und gebildet wird und so befähigt, verantwortungsvolles Mitglied der Menschheitsfamilie zu sein.

 

 

 

Ansprache Dirk Pette

 

 

Dirk Pette, Prof. em., Universität Konstanz, Dr. med., Dr. h.c. sci., Abit. WG 1951
 
Rück- und Seitenblicke eines Ehemaligen
 
Festansprache zum 125jährigen Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums,
28. April 2006, Hotel Elysee, Hamburg, Großer Festsaal
 
Dirk Pette, Prof. em. in Konstanz, wohnhaft auf der Insel Reichenau am Bodensee (augia dives), ist natürlich längst nicht so untätig, wie das Etikett „emeritus“ vermuten läßt. – Dafür, daß er sich trotz seiner vielen Verpflichtungen, die ihn auch heute noch binden, spontan bereit erklärt hat, nach Hamburg zu kommen und im Festsaal des Elysee zu uns zu sprechen, ist ihm doppelt zu danken.

 

Seine vorletzte Ansprache, Juni 2001, an die Abiturienten des WG, ist bei allen Beteiligten noch in lebendiger und bester Erinnerung. Leider konnten wir sie damals nicht veröffentlichen, denn: beim Anblick des versammelten Auditoriums hat er seinen vorbereiteten Text schlicht liegen lassen und – zur sichtbaren Freude des versammelten Publikums, sozusagen aus dem Stegreif – ganz anderes gesagt, – und das war und wurde dann leider nirgends aufgezeichnet.

 

Der Einladung, anläßlich des125jährigen Jubiläums des Wilhelm-Gymnasiums einige Erinnerungen und Gedanken in Worte zu fassen, bin ich gerne gefolgt. Ich verdanke dieser Schule viel und bin stolz darauf, ihr Schüler gewesen zu sein.

 

Bei der Vorbereitung meines Textes hatte ich in der von Peter-Rudolf Schulz herausgegebenen Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum unserer Schule (1981) einen wertvollen Wegweiser. Vorweg möchte ich ihm darum danken, daß er sich seit vielen Jahren mit so viel Idealismus, Herz und Einsatz der Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums angenommen hat. Damit hat er einen unschätzbaren Beitrag zum Ansehen dieser Schule geleistet. Und das in einer Zeit, die mit dem Begriff und der Bedeutung von Tradition nicht so recht umzugehen weiß. Die Festschrift erwies sich als eine wahre Fundgrube zur Auffrischung eigener Erinnerungen und war mir ein Quell des Gedenkens an bedeutende Persönlichkeiten, die in dieser Schule wirkten oder aus ihr hervorgegangen sind.

 

Der bekannteste Schüler des Wilhelm-Gymnasiums ist ohne Zweifel James Franck, der 1925 zusammen mit Gustav Hertz den Nobelpreis für Physik erhielt.

 

 

Ihm möchte ich heute einen nicht minder bedeutenden Wissenschaftler zur Seite stellen, den Biochemiker Gustav Embden.

 

 

Gustav Embden wurde am 10. November 1874 als zweiter Sohn von George Embden geboren. Dessen Mutter Charlotte war eine Schwester Heinrich Heines. Sie hatte Markus Embden, den Sproß einer bekannten Emden/Altonaer Rabbinerfamilie geheiratet. George, ihr Sohn, heiratete in die Hamburger Kaufmannsfamilie Dehn ein und war in Hamburg als renommierter Rechtsanwalt tätig. Seine beiden Söhne, Heinrich und der vier Jahre jüngeren Gustav besuchten das Wilhelm-Gymnasium, wo sie 1889 bzw.1893 das Abitur bestanden. Beide studierten in Freiburg Medizin. Heinrich kehrte nach Hamburg zurück, war Assistent bei dem bekannten Neurologen Max Nonne und wirkte danach in seiner Vaterstadt als angesehener Neurologe.

 

In seinen Lebenserinnerungen „Anfang und Ziel meines Lebens“ beschrieb Nonne seinen Assistenten mit folgenden Worten: „Dr. Embden war ungewöhnlich intelligent, las viel und behielt alles, konnte über alles glänzend reden und hatte eine ungewöhnliche Gabe, Dinge darzustellen… – Er wurde später Chefarzt der Nervenabteilung des Allgemeinen Krankenhauses Barmbek“.

 

 

Gustav wandte sich nach seinem medizinischen Staatsexamen in Straßburg der Grundlagenforschung zu. Nach Lehrjahren in verschiedenen Laboratorien in Straßburg, Zürich und Frankfurt wurde er 1904 in Frankfurt mit der Leitung des Laboratoriums im Städtischen Krankenhaus betraut. 1907 habilitierte er sich an der Universität Bonn für das Fach „Experimentelle Pathologie“ und wurde 1909 Direktor des chemisch-physiologischen Instituts in Frankfurt. Nach Gründung der dortigen Universität erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor für Physiologie und Leiter des Instituts für vegetative Physiologie.

 

Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeiten war die Erforschung des Kohlenhydratstoffwechsels in Leber und Muskel. Ihm verdanken wir die Aufklärung wichtiger Teilreaktionen des zellulären Glucoseabbaus, vor allem aber das erste schlüssige Reaktionsschema des anaeroben Glucosestoffwechsels, der sog. Glykolyse. In seiner faszinierenden Monographie „German Jewish Pioneers in Science 1900 – 1933“ schreibt David Nachmansohn, ebenfalls ein bedeutender Biochemiker, sinngemäß: „Die Krönung von Embdens Lebenswerk war das Schema der Glykolyse, das er zusammen mit seinen Mitarbeitern erstellt hat, eine Leistung, die eindrucksvoll von seiner genialen Intuition und der Kraft seines Vorstellungsvermögens zeugt“.

 

Gustav Embden konnte sein Werk nicht vollenden. Er starb am 25 Juli 1933 an einer Lungenembolie. Obwohl er im Sinne der nationalsozialistischen Rassengesetze „nur“ Halbjude war, ist ihm mit seinem frühen Tod Schlimmes erspart geblieben. Embdens nur „dreiviertelarischer“ Sohn mußte dann für Hitler sterben. Aber da waren die Eltern und der Onkel schon tot, und die Großtanten hatten sich vor der „Umsiedlung“ das Leben genommen (L. Jaenicke).

 

Gustav Embdens wissenschaftliche Bedeutung und seine menschliche Größe wurden in mehreren Nachrufen gewürdigt. In einem von seinem Schüler E. Lehnhartz verfaßten Nachruf heißt es: „Gustav Embden war – das erkennen wir Zurückgebliebenen von Stunde zu Stunde mehr – ein Einmaliger, ein Überragender. Seine Art, Forschung zu betreiben, Physiologie zu erleben und zu lehren, die strenge Kritik an sich selbst, die Zuverlässigkeit der Arbeit und die Hingabe an das Werk als eine innere Verpflichtung, all das hat er uns, seinen Schülern und seinen Freunden, als ein Vermächtnis hinterlassen, das für ihn Zeugnis ablegen soll, als ein Stück im besten Sinne deutscher wissenschaftlicher Tradition.“

 

Heute ist Gustav Embdens Name mit dem eines anderen großen Biochemikers, Otto Meyerhof, in dem Begriff „Embden-Meyerhof-Weg der Glykolyse“ verewigt. Nach ihm ist auch das „Gustav Embden-Zentrum für Biologische Chemie“ der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt benannt.

 

Durch meine Arbeiten auf dem Gebiet der Glykolyse und des Muskelstoffwechsels war mir Gustav Embden seit jeher als einer der Großen meines Fachs bekannt. Als ich jedoch vor Jahren seinen Namen in der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum in der Liste der Abiturienten des Jahres 1893 entdeckte, war ich erstaunt, darin kein Wort über den berühmten Wissenschaftler zu lesen. Seine Bedeutung war dem Wilhelm-Gymnasium offensichtlich entgangen. Aus diesem Grunde habe ich mit einer Hommage an Gustav Embden begonnen. Unterstützung fand ich dabei durch Manfred Kröger, Abiturient von 1966 und inzwischen Professor für Mikrobiologie in Gießen. Auch ihm war aufgefallen, daß Gustav Embdens Name auf der Ehrentafel des Wilhelm-Gymnasiums bisher nicht verzeichnet ist.

 

Da ich mein Publikum nun nicht mit einer Vorlesung über Gustav Embdens wissenschaftliches Werk langweilen möchte, habe ich eine Reihe von Dokumenten zur Bedeutung dieses großen Biochemikers zusammengestellt. Die Sammlung umfaßt Nachrufe, das Werkverzeichnis und mehrere Artikel bedeutender Zeitgenossen von Gustav Embden. Ein besonders wertvolles Dokument ist eine 1992 von Ulrich Flaig am Senkenbergschen Institut für Geschichte der Medizin in Frankfurt verfaßte Dissertation, eine umfangreiche, bestens recherchierte und wissenschaftsgeschichtlich überaus interessante Arbeit. Ich konnte den Verfasser ausfindig machen und erhielt von ihm eines der letzten Exemplare seiner Arbeit.

 

Es befindet sich zusammen mit den anderen Dokumenten in einer von meiner Frau kunstvoll angefertigten Kassette. Zudem habe ich alle Texte der Sammlung digitalisiert und als PDF-Dateien auf einer CD gespeichert. Interessierte Kollegen und Schüler können sich davon Kopien anfertigen. Meine Dokumentation über Gustav Embden, ein bisher unbekanntes Erbe, überreiche ich dem Archiv des Wilhelm-Gymnasiums bzw. dem Verein der Ehemaligen mit einem verkürzten Zitat aus Goethes Faust: „Erwirb es, um es zu besitzen!“

 

Es wären noch etliche andere Absolventen unserer Schule zu nennen, die als Wissenschaftler, Ärzte, Juristen, Journalisten, Künstler etc. dem Wilhelm-Gymnasium in ihrem Berufsleben Ehre gemacht haben. Ich beschränke mich auf meine Generation und nenne nur drei Namen: Thomas Brandis, den großen Geiger, Werner Burkhardt, den Nestor der deutschen Jazzkritik, und Joachim Kaiser, von dem Marcel Reich-Ranicki gesagt hat, er sei der einzige deutschsprachige Kritiker von Rang und Format, der gleichermaßen unterhaltsam und belehrend, geistreich und urteilssicher über Musik, Literatur und Theater zu schreiben vermag.

 

Aus dem Festband zum 100jährigen Jubiläum unserer Schule habe ich noch mehr herausgelesen: Namen und was sich mit ihnen verbindet: Schicksale und Geschichte.

 

Das Wilhelm-Gymnasium war nach seiner Gründung nicht nur eine dringend erforderliche neue Stätte der humanistischen Bildung, in welche ehrwürdige Hamburger Familien ihre Söhne – und später auch Töchter – schickten, sondern sie war auch eine Schule des jüdischen Bürgertums. Der hohe Anteil von Schülern mit für mich erkennbar jüdischen Namen offenbart sich in der Totenliste des Ersten Weltkriegs und ebenso in den Namenslisten der Abiturienten bis hin in die dreißiger Jahre. Als ich all diese Namen las, die Stolpersteinen gleichen, überkamen mich Trauer und Scham. Peter-Rudolf Schulz hat ihnen mit seiner Festschrift ein Denkmal gesetzt, dessen man sich gewahr werden sollte. Ich möchte der Hoffnung Ausdruck geben, daß diese Namenslisten auch Schülern von heute und morgen immer wieder Anlaß zum Nachdenken geben werden.

 

Warum das Schicksal (bzw. Peter-Rudolf Schulz) mich auserkoren haben, am heutigen Abend das Wort an diese Festversammlung zu richten, ist mir noch immer nicht klar. Dem Verein der Ehemaligen bin ich erst vor einigen Jahren beigetreten; dort habe ich mich bisher auch nicht sonderlich engagiert, noch bin ich durch großzügige Spenden aufgefallen. Meine schulischen Leistungen boten sicherlich kaum Anlaß dafür, mich einzuladen.

 

Lassen Sie mich hierzu ein Bekenntnis ablegen, und zwar ohne Ironie und Selbstgefälligkeit, vor allem auch, ohne die Werteskalen meiner Lehrer in Frage stellen zu wollen.

 

So findet sich im Versetzungszeugnis des Winterhalbjahres 1949/50 folgende Einschätzung: „Dirk neigt noch häufig zu Albernheiten und stört dadurch den Unterricht. In seiner Pflichtauffassung ist Dirk der am wenigsten reife Schüler der Klasse. Er leistet außerdem nicht das, was man von ihm auf Grund seiner Veranlagung erwarten muß. Auf ein solches Zeugnis hin ist eine Immatrikulation an der Universität von der Schule aus nicht zu befürworten.“ – Im Abiturzeugnis liest es sich dann doch etwas besser: „Seine Liebe gehört der Biologie und der Musik“, – was immer noch zutrifft, jetzt allerdings in umgekehrter Reihenfolge.

 

Zu meiner Entschuldigung sei bemerkt, daß ich, als ich 1947 als Untersekundaner in die „O9“ des Wilhelm-Gymnasiums eintrat, Mühe hatte, mich an den strengen Geist der „Neuen Gelehrtenschule“ anzupassen. Ich hatte zuvor die Oberrealschule für Knaben im oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen besucht. Dort hatte ein anderer Geist geherrscht, dem eines Komödienstadels nicht unähnlich; – verständlich, daß mir der Wechsel an die Gelehrtenschule nicht leichtfiel. Mein Klassenlehrer, Dr. Karl Pape, hatte von Anfang an ein achtsames Auge auf mich, – mit Recht, denn meine Lausbübereien boten ihm hinreichend Anlaß, mich argwöhnisch im Visier zu behalten.

 

Nachdem ich mich nun weitgehend „geistig“ entkleidet habe, möchte ich meinem Geständnis die späte Einsicht anfügen, daß meine Lehrer mir mit ihrer Einschätzung kein Unrecht getan haben. Vielleicht haben sie mein Alter nicht berücksichtigt: Ich war der Jüngste meiner Klasse. Mein Abiturzeugnis trägt als Datum den 13. Februar 1951, das heißt: die Reife wurde mir einen Tag vor meinem 18. Geburtstag attestiert, – möglicherweise wider besseres Wissen!

 

Seitdem sind 55 Jahre vergangen, und meine Zukunft, zumindest meine berufliche, ein Leben in Forschung und Lehre, liegt hinter mir. Sie begann mit dem Studium der Medizin und einem Teilstudium der Chemie an den Universitäten in Hamburg und Genf. Nach Genf schickten mich meine Eltern, weil sie der Meinung waren, Europa sei unsere Zukunft und man müsse nicht nur englisch, sondern auch französisch sprechen. Mit Europa hatten sie recht, mit dem Französischen leider nicht. Dr. Edens, unser Französischlehrer, hätte heute wahrscheinlich seine Freude an mir. Ihn, den liebenswürdigen Kavalier der Alten Schule, habe ich einmal aufs höchste irritiert, als ich ihn auf ein mit „mangelhaft“ benotetes Diktat ansprach und höflich bat, er möge doch nicht nur die fehlerhaft, sondern auch die weit in der Überzahl korrekt geschriebenen Wörter in seine Bewertung einbeziehen.

 

Die Jahre, die ich von 1947 bis 1951 am Wilhelm-Gymnasium verbrachte, zählen numerisch, doch nicht im landläufigen Sinne, zum „Mittelalter“ der Neuen Gelehrtenschule. Die Klasse, in die ich 1947 eintrat, schrumpfte bis zum Abitur auf eine Größe von nur 8 Schülern. 71 Schüler hatten sie von der Sexta an durchlaufen, – mit anderen Worten: die Anforderungen waren hoch, die Auswahl streng und ein vorzeitiger Abgang keine Schande. Die mittlere Reife war ein qualifizierender Startpunkt für viele Wege ins Berufsleben, die heute nur mit dem Abitur begehbar sind. Man sprach damals nicht von „Exzellenzinitiativen“ und „Bildungseliten“, doch man förderte sie durch ein hohes Anspruchsniveau.

 

1947 war Nachkriegszeit, und in Anbetracht der weltpolitischen Verhältnisse fragten wir uns, ob und wann sie wieder zur Vorkriegszeit würde. Beseelt waren wir von dem Gedanken „nie wieder Krieg“. Unser Schulweg war von Ruinen gesäumt. Er führte zum Holsten-Glacis, wo das Wilhelm-Gymnasium nach 1945 in das Gebäude der Albrecht-Thaer-Schule einquartiert worden war. Infolge der beengten räumlichen Verhältnisse wanderten wir oftmals stundenweise von Klassenzimmer zu Klassenzimmer. Auch ein Teil unserer Lehrer befand sich offensichtlich auf Wanderschaft. Sie kamen und gingen, was zu häufigem Lehrerwechsel führte, – für uns Schüler manchmal schmerzlich, manchmal erfreulich.

 

Dankbar erinnere ich mich an die vom früheren amerikanischen Präsidenten Herbert Hoover ins Leben gerufene Schulspeisung mit Milch-, Erbsen- und Schokoladensuppen. Beim Klingeln zur großen Pause jagten wir, wie bei einem Feueralarm, die Treppen hinunter, um uns mit unserem Eßgeschirr als erste in der Schlange vor den Suppenkübeln aufzustellen. Zum Nachschlag reihten wir uns gleich hinten wieder ein. Unsere nicht minder hungrigen Lehrer hielten sich vornehm im Hintergrund und warteten, bis alle Schüler gesättigt waren. Einige von ihnen trugen noch Wehrmachtsjacken, umgenäht, ohne Hoheitszeichen und mit nichtmilitärischen Knöpfen.

Nach der Währungsreform 1948 änderten sich die Verhältnisse rasch. Mit jedem Tag wurde alles besser und schöner. Wir freuten uns an den vollen Schaufenstern, auch wenn uns das Geld fehlte, neue, nie gekannte Waren zu kaufen. Vielleicht waren wir zufriedener als die Generation unsere Kinder oder Enkel in einer Welt des Überangebots und Überflusses. Wenn mich der Heimweg, vorbei an „Planten un Blomen“ und dem damals immer noch entglasten Dammtorbahnhof zur Rothenbaumchaussee führte, kehrte ich mit Freunden gelegentlich in einer Würstchenbude ein, auch „Schnell-Imbiß“ (neuerdings „Fast Food“) genannt. Diese befand sich genau dort, wo heute das Grand Elysée steht.

 

Nur einige hundert Meter weiter, im Curio-Haus, wo das Wilhelm-Gymnasium früher seine Frühlingsfeste gefeiert hatte, fanden nun, vor britischen und französischen Militärgerichten, die sog. Curiohaus-Prozesse statt.

 

Im Geschichtsunterricht wurden Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg nicht behandelt. Wissenschaftlich fundierte Bücher zu diesen Themen erschienen erst in den fünfziger Jahren. Die Folgen des Krieges hatten wir jedoch täglich vor Augen: Ruinen, Nissenhütten, aus Gefangenschaft heimkehrende, halb verhungerte Soldaten, Männer mit Krücken, mit nur einem Arm oder nur einem Bein, zuweilen auch Männer, die beide Beine verloren hatten. Sie saßen auf kleinen Holzwägelchen, die sie durch Abstoßen mit kurzen Holzstöcken mühsam voranbewegten. In unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Schule, auf dem jetzigen Gelände der Hamburg-Messe, befand sich ein Barackenlager mit ehemaligen KZ-Häftlingen.

 

Zeitungen erschienen 1947 noch nicht täglich. Sie waren dünn, und Altpapier war damit der Umwelt keine Last. Dennoch wurde es eifrig gesammelt, denn für einige Kilogramm erhielt man einen Gutschein zum Erwerb eines Schulhefts. Dessen Papier war grau, – aus anderen als ideologischen Gründen. Der Blätterwald war noch licht, Rudolf Augsteins Spiegel war gerade erst aus der Taufe gehoben und hatte noch keine Macht über unsere Seelen erlangt. Was wir mit Begeisterung lasen, fanden wir im britischen Kulturzentrum „Die Brücke“ oder im Amerika-Haus. Die dort ausliegenden Zeitungen und Magazine führten uns eine Welt vor Augen, die uns die unsrige vergessen ließ. Allen voran war es The Saturday Evening Post mit den unverwechselbaren Titelbildern von Norman Rockwell, den Cartoons von Saul Steinberg und anderen.

 

Amerikanische Kurzgeschichten waren weitaus interessanter als „Three Men in a Boat“ von Jerome K. Jerome oder Shakespeares „Macbeth“, die wir stundenweise mühsam, Satz für Satz, im Englischunterricht herunterbuchstabierten. Im Englischunterricht wurde deutsch gesprochen, auch wenn unser Englischlehrer gelegentlich Anstalten machte, englisch zu sprechen. Dann hob er lautstark mit einem „well“ an, um dann leise anzufügen: „Ich sag‘s mal lieber auf deutsch, denn sonst verstehen Sie mich nicht“.

 

Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig, so heißt es im 2. Korintherbrief (3,6), – ein Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich an Werner Rockel, unseren Deutschlehrer, denke. Er war ein Lehrer, der uns kraft seiner Persönlichkeit und durch seinen Unterricht begeisterte. Er hatte Autorität, ohne autoritär zu sein, doch wußte er, Unbotmäßige in ihre Schranken zu weisen. Sein hoher Anspruch an Gedankenführung und Präzision des Ausdrucks hat mich gelehrt, meine manchmal noch wirren Gedanken zu ordnen. Unter seiner Anleitung beschäftigten wir uns mit den Klassikern und moderner europäischer und amerikanischer Literatur – und nicht, wie meine Kinder später in den siebziger Jahren, mit Soziolinguistik, Appellsprache, Straßenverkehrsordnung und ähnlichem.

 

Werner Rockel vermittelte uns ein Gefühl für Sprache, für ihre Schönheit und ihren Klang. Unvergessen ist die Stunde, in der wir Matthias Claudius‘ Vierzeiler „Ach es ist so dunkel in des Todes Kammer“ besprachen – und dadurch seiner ganzen Wirkung beraubten, daß wir Wörter mit dunklen Vokalen durch solche mit hellen ersetzten, also „Ei, es ist so finster in des Todes Zimmer“, usw. Ich wünschte, jene Schriftgelehrten, die sich in vergangenen Jahren mit Neuübersetzungen an der Bibel zu schaffen machten, hätten solchen Deutschunterricht genossen!

 

Nach der Währungsreform gab es endlich wieder Bücher zu kaufen, obwohl auch davor schon einiges an moderner Literatur in Form von Rowohlts Rotations-Romanen erschienen war. Das waren im Zeitungsformat auf Zeitungspapier gedruckte, ungebundene Romane zum Preis von 50 Pfennig. Nicht immer gelang es, die für den Unterricht benötigten Bände aufzutreiben. Als ich in einem kleinen, der Schule benachbarten Zeitungs- und Buchladen nach T. S. Elliots „Mord im Dom“ forschte, ließ mich die Dame am Tresen wissen: „Das führen wir nicht, aber wir haben was Ähnliches. Nehmen Sie doch den „Schuß von der Kanzel“. Ob sie damit C.F. Meyers Novelle oder ein Groschenheft meinte, blieb mir verborgen.

 

Unvergessen ist die 1948 unter Rockels Regie gemeinsam mit Schülerinnen der Klosterschule gestaltete Aufführung von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“. Claus Biederstaedt spielte die Hauptrolle, Olrik Breckoff den Tod, und „Gott der Herr“ tönte mit Werner Rockels gewaltiger Stimme aus dem Hintergrund.

 

Ebenso lebendig wie der „Jedermann“ ist in meiner Erinnerung die Aufführung von Händels Messias mit den Hamburger Philharmonikern und Solisten der Staatsoper unter Leitung unseres Musiklehrers Dr. Gustav Fock (Dezember 1948). Was für ein Erlebnis, mit 15 Jahren als Chorist auf dem Podium der großen Musikhalle zu stehen! Und dann, zwei Jahre später, wieder mit den Philharmonikern, die Aufführung der Carmina Burana von Carl Orff, diesmal gemeinsam mit dem Chor der Klosterschule. Viele verstohlene Blicke wechselten da zwischen Choristinnen und Choristen, wenn wir das „Oh, oh, oh, totus floreo“ sangen!

 

Dr. Fock war ein Musikgelehrter, aber das wußten wir damals nicht. Erst später, als ich ihm als Autor zahlreicher Beiträge im großen Musiklexikon „Musik in Geschichte und Gegenwart“ wiederbegegnete, wurde mir klar, wer er war. Etliche der von uns im Chor gesungenen Werke norddeutscher Barockmeister waren von ihm vor dem Krieg in der Staatsbibliothek von Hand kopiert worden. So blieben sie nach deren Zerstörung der Nachwelt erhalten. Focks Schwerpunkt war die Barockmusik. Er war Spezialist auf dem Gebiet des norddeutschen Orgelbaues, und sein Herz gehörte den Orgeln Arp Schnitgers.

 

Mit Neuenfelde verbindet man heute in Hamburg den Airbus, wir verbanden damit eine prachtvolle Kirche und die Schnitger-Orgel. Die „drei großen S“ des 17. Jahrhunderts – Schein, Scheidt, Schütz -, aber auch Nicolaus Bruhns, Vincent Lübeck, Dietrich Buxtehude, Johann Steffens, Johann Adam Reincken, Georg Böhm waren uns ebenso vertraut wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann. Natürlich wußten wir alles über J. S. Bach als Chorschüler an St. Michaelis zu Lüneburg, seine Beziehung zu Georg Böhm an St. Johannis und seine Ausflüge nach Hamburg und Celle.

 

Kirchentonarten, Kanon und Fuge, authentische und plagale Kadenzen, Durchgangsdissonanz und ähnliches wurden eingehend im Musikunterricht behandelt. Im Auswahlchor sangen wir Falala-Lieder und englische Madrigale, konzertierten in der englischen Offiziersmesse und in Kirchen entlang der Niederelbe. – Genächtigt wurde bei diesen Konzertreisen auf Strohlagern.

 

Leider war Dr. Fock in seiner Musikbegeisterung als Pädagoge ungeschickt und zuweilen unbeherrscht. Im Unterricht kümmerte er sich kaum um die musikalisch weniger Interessierten oder Minderbegabten. Man konnte ihn leicht aus der Fassung bringen, was mir mit allerlei Schabernack des öfteren gelang. Geblieben ist die Erinnerung an einen eben doch liebenswerten, von der Musik durchdrungenen Lehrer, dem ich für das, was er in mir geweckt hat, dankbar bin.

 

Bei soviel Worten über die Musik nun auch ein Wort zur bildenden Kunst. Richard Thoms unterrichtete uns in Kunstgeschichte und Zeichnen. Zeichnen habe ich bei ihm nicht gelernt. Thoms verhalf mir aber, dem gänzlich Unbegabten, zu einer akzeptablen Note im Abiturzeugnis: Als Prüfungsarbeit war eine Ansicht der St. Pauli Landungsbrücken anzufertigen. An einem sonnigen Sommertag postierte sich unsere Klasse zusammen mit Herrn Thoms auf dem Hang unterhalb des Tropeninstituts, um mit Zeichenstift und Tuschekasten das Panorama auf dem Zeichenblock zu bannen. „Malen Sie mal abstrakt, Pette“, – ermunterte er mich – „dann bekommen Sie noch genügend“. Ich habe seinen Rat befolgt und bekam genügend! Daß ich seitdem keine Probleme mit der Deutung abstrakter Malerei habe, ist verständlich!

 

Ein Lehrer mit hohem pädagogischen Eros, der uns durch seinen lebendigen Unterricht, seine Herzenswärme und sein verschmitzt humoriges Wesen ganz für sich einnahm, war Dr. Herbert Drude, unser Lateinlehrer. Wie viele neue Sprachen er neben den alten beherrschte, weiß ich nicht, aber es waren etliche. Bei ihm lernte ich auch ein Jahr lang Russisch. Die Berlin-Blockade im Juni 1948 und die nur 40 km entfernte russische Besatzungszone ließen es mir und einigen Klassenkameraden als sinnvoll erscheinen, uns zumindest Grundbegriffe des Russischen anzueignen. Im Abitur verhalf mir Dr. Drude zu einer guten oder besseren Note, weil er mich in der mündlichen Prüfung nicht nur die Horaz-Ode „Integer vitae scelerisque purus non eget Mauris iaculis neque arcu…“ aufsagen und übersetzen ließ, sondern dazu auch Christian Morgensterns Übersetzung: „Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist, braucht nicht Degenstöcke noch Ochsenziemer, noch amerikanische Schlagringwaffen, noch auch Revolver…“ Das amüsierte den Oberschulrat so sehr, daß er meine Lateinnote großzügig aufbesserte.

 

Unnötig zu sagen, daß mich mit meiner Schulzeit mehr verbindet als nur Lausbübereien und Anekdoten. Das Profil einer Schule wird in erster Linie durch die Persönlichkeiten der Lehrer geprägt. Das im 1948 im Lichthof der Albrecht-Thaer-Schule aufgenommene Foto des Kollegiums (Festschrift 1981, S. 199) läßt, zumindest äußerlich, etliche Charakterköpfe und damit viel von diesem Profil erkennen. So bin ich in meiner Schul- und Studienzeit Lehrern begegnet, die mich nicht nur durch Kompetenz, sondern mehr noch durch ihre Persönlichkeit beeindruckt haben. In ihnen habe ich meine Lehrmeister erkannt, oft freilich erst im nachhinein. Als Gärtner weiß ich aber, daß in die Erde gelegte Samenkörner nicht alle zur gleichen Zeit keimen. Manches Samenkorn, das meine Lehrer in mich legten, hat wohl längere Zeit geschlummert, bevor es aufging.

 

Die hinter mir liegenden 55 Jahre, die Spanne zweier Generationen, sind eine lange Zeit, in der sich die Welt gründlich verändert hat. Im Vergleich mit damals hat sich fast alles zum besseren verändert, jedenfalls im materiellen Bereich. Ein einziger Rückblick an Ort und Stelle genügt, um den Wandel zu erkennen: vom Schnellimbiß zum Grand Elysee! Vieles, was es heute gibt, gab es damals nicht, aber wir wußten nicht, was wir nicht hatten, – und an dem, was wir hatten, erfreuten wir uns.

 

Wir bewunderten die ersten Volkswagen mit Chromleisten und 30 PS-Motor, die ersten Radios mit UKW-Empfang, den ersten Sportwagen von Porsche, etc. Heute reisen wir zum Mond, schwirren im Internet umher, orten uns und andere mit GPS, etc. Ob wir in dieser neuen Welt von „fun“ und „wellness“ einander damit näherkommen?

 

Doch auch damals konnte es geschehen, daß Menschen aneinander vorbeilebten, was freilich Gründe hatte, die es heute hoffentlich nicht mehr gibt: Ein Schüler einer Klasse unter uns nahm mit seiner schwangeren Freundin Gift. – Sie überlebte, er starb. Unsere Lehrer haben mit uns darüber nicht gesprochen.

 

Wie sehr sich die Welt, die äußere und die innere, seitdem verändert hat, wird im heutigen Sprachgebaren und Sprachgebrauch besonders deutlich. Nicht nur die Verflachung der Sprache, sondern viele aus der Mode gekommene Wörter und Wortneuschöpfungen (Lebenszeit und „Lebensabschnittpartner“, Job, etc.) zeugen von verschobenen Werteskalen und vom Wandel der Lebensformen. Ärgernis bereiten die dümmlichen Anglizismen aus dem Spracharsenal von Werbetextern und Journalisten. Man spricht denglisch, nicht deutsch.

 

Es wäre gut, sich auf den reichhaltigen Wortschatz unserer Sprache zu besinnen: „Die deutsche Sprache ist auf einen so hohen Grad der Ausbildung gelangt, daß einem jeden in die Hand gegeben ist, sowohl in Prosa als in Rhythmen und Reimen, sich dem Gegenstande wie der Empfindung gemäß nach seinem Vermögen glücklich auszudrücken“, – schrieb Goethe 1832 in einem Brief an den Dichter Melchior Meyr!

 

Ein meines Erachtens viel wichtigeres Sprachproblem zeigt sich in der Entwicklung neuer Fachsprachen. Diese haben ihren Ursprung im rasanten Fortschritt von Wissenschaft und Technik. Mangelndes Verständnis von Worten und Begriffen aus diesen Bereichen erschwert die Verständigung zwischen Laien und Spezialisten und behindert eine fundierte Auseinandersetzung mit Themen von gesellschaftlicher Relevanz. Das gilt besonders für Probleme, die von der Wissenschaft allein nicht gelöst werden können. Ich denke an Chancen und Risiken der Stammzellforschung, genetische Manipulation von pflanzlichen und tierischen Zellen, Fragen der Bioethik im Hinblick auf Gesundheit, Krankheit und Tod, etc.

 

Die zu solchen Themen oftmals sachlich unzureichend geführten Diskussionen in Politik und Gesellschaft weisen auf schwerwiegende Bildungslücken hin. Diese betreffen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem der modernen Biologie, die heute sämtliche naturwissenschaftlichen Disziplinen umfaßt. Unkenntnis und Unverständnis in diesem Bereich führen unweigerlich zu irrationalen Erklärungen, Irrlehren und Ängsten.

 

Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, dazu einige Beispiele: Kreationismus oder Evolutionstheorie, Homöopathie oder sog. Schulmedizin, „Bio“ oder Chemie. Bei allem, z.T. auch berechtigten Skeptizismus gegenüber der Allmacht der Wissenschaft, ist Wissen doch wohl in allen Fällen dem Unwissen überlegen. Mir scheint, daß wir Deutschen für Irrationales und Mystifizierungen besonders anfällig sind und oft mit Angst reagieren, wo wir uns um Verstehen bemühen sollten. Es ist darum nicht verwunderlich, daß „Angst“ im Englischen ein Fremdwort ist: „the German Angst“.

 

Die Aufklärung ist auch heute noch nicht abgeschlossen! Eine zur Zeit in Paris, in der Bibliothèque Nationale de France, laufende Ausstellung hat den Titel „Lumières“. Über die historische Rückschau hinaus versucht diese Ausstellung, das Erbe der Aufklärung als Aufgabe für unsere Zeit neu zu sichten. Ist das nicht auch, was humanistische Bildung in unserer Zeit anstreben muß?

 

Das Wilhelm-Gymnasium kann diesem Ziel 125 Jahre nach seiner Gründung auch dadurch entsprechen, daß es naturwissenschaftliche Bildung dem humanistischen Bildungskanon gleichwertig zur Seite stellt.

 

Bildung ist mehr als die mnestische Anhäufung von Fakten und Wissen, ist die Fähigkeit, erworbenes Wissen in Verständnis umzusetzen und so für Neues aufgeschlossen zu sein. „Alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden“, bemerkt Goethe in einem Gespräch mit Eckermann (J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe, 16. Dezember 1828). Auf das Gewahrwerden kommt es an, und das stellt sich nicht von alleine ein, denn „man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“ (Goethe 1819 in einem Brief an den Kanzler F. v. Müller).

 

Natürlich kann es nicht Aufgabe der Schule sein, ihre Schüler in allen Teilbereichen des Wissens zu kleinen Professoren auszubilden. Doch die Fundamente für den Wissenstempel müssen gelegt und Neugierde und Lust, den Tempel zu betreten, müssen geschürt werden. Das Instrument muß gestimmt werden, um darauf spielen zu können. Darum hört Bildung mit dem Abitur nicht auf, sondern ist ein Prozeß, der zuvor in Gang gesetzt werden muß, um uns ein Leben lang in Anspruch zu nehmen.

 

Daß es so ist, wurde übrigens schon vor 200 Jahren klar ausgesprochen: „Es ist schlimm genug, daß man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen“ (Goethe, Wahlverwandtschaften, Teil 1, 4. Kapitel).

 

Nicht aus der Mode kommen und jung bleiben, möchte ich hinzufügen. In diesem Sinne möchte ich meine Rück- und Seitenblicke mit einem Zitat des Mannes schließen, der mir und meiner Generation ein großes Vorbild war: Albert Schweitzer:

 

„Jugend ist nicht ein Lebensabschnitt, sie ist ein Geisteszustand. Sie ist Schwung des Willens, Regsamkeit der Phantasie, Stärke der Gefühle, Sieg des Mutes über die Feigheit, Triumph der Abenteuerlust über die Trägheit. Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat, man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt…. Ob siebzig oder siebzehn, im Herzen eines jeden Menschen wohnt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren, das erhebende Staunen beim Anblick der ewigen Sterne und der ewigen Gedanken und Dinge, das furchtlose Wagnis, die unersättliche kindliche Spannung, was der nächste Tag bringen möge, die ausgelassene Freude und Lebenslust. Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel, so jung wie deine Hoffnung, so alt wie deine Verzagtheit“.

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